Holländer / Kirschner - Vernissage 2.12. 2011

 

Der Kontrakt des Malers mit dem Fotografen


Dieser Kunstverein ist ein Wiederholungstäter. Vor genau 20 Jahren hatten wir Matthias  Holländer bereits ausgestellt. Aus Anlass des 100. Geburtstages von Otto Dix, eben am 2. Dezember, präsentierten wir hier unten die Holländer-Bilder, große Formate. Vielleicht erinnern sich noch einige an ‚Mesmers Freundinnen’ und ‚Kontinentalverschiebung’, wenn nicht, ist das nicht so schlimm, denn die Kataloge des Künstlers – hier erhältlich -  können Ihrer Erinnerung vorzüglich aufhelfen.
Im Obergeschoß waren Werke von Dix aus regionalem Privatbesitz zu sehen,
die eben nicht einmal das Stuttgarter Kunstmuseum damals hatte haben können. Wer also zu Dix wollte, musste an Holländer vorbei. Das war die volle kunst-pädagogische Absicht, die auch voll aufging. Und natürlich durfte die qualitative Differenz der beiden Künstler nicht zu groß sein. Es erwies sich, dass Holländer sehr wohl neben Dix bestehen konnte.
Heute zeigen wir Holländers Werke oben und Bernd Kirschner hier unten. Der Holländer Fan-Club, der in dieser Region eine beachtliche Verbreitung hat, und auch alle anderen, die die Werke von Matthias Holländer anschauen wollen, kommen jetzt an Kirschner nicht vorbei. Und das ist gut so.
Bernd Kirschner muss für die Kunstfreunde am See kein völlig Unbekannter sein. 2009 stellte er Malerei in der Konstanzer Wessenberg-Galerie aus, ein Jahr zuvor war er im Neuwerk zu sehen. Doch der Bernd Kirschner hier präsentiert sich nicht als der Maler einer erzählenden Bildkunst mit einer aufregenden Lichtregie, als einer, der zwischen Peking, Berlin, Konstanz und Miami bekannt ist. Nein, hier in Radolfzell präsentiert er sich als malender Fotograf, mit Malerei auf belichtetem Fotopapier. Und dass der junge Künstler mit seinen 31 Jahren in der Welt so weit herumkommt, hat einmal mit seiner Qualität zu tun, aber auch damit, dass er von einer der großen Galerien, in diesem Fall Michael Schultz, Berlin, vertreten wird. In diesem ganz besonderen Fall konkurriert Radolfzell noch mit Pulse – Contemporary art fair in Miami vom 1. bis 4. Dezember.  Gott sei dank hat niemand ihm die Flugkosten spendiert, sonst wäre er nämlich in der Sonne Floridas. Blättert man ganz neugierig einen seiner Kataloge auf, etwa den mit dem Titel Aero von 2010, dann stolpert man gleich über die ersten beiden Seiten, weil  man sie nämlich nicht lesen kann:
Alles koreanisch. Dann kommt auch die deutsche Übersetzung mit dem Titel: Chaos und Ordnung. Wir in der Bodensee-Provinz müssen endlich feststellen, Bernd Kirschner ist bereits international hervorragend vernetzt.
Sein Werdegang führte ihn 2000 weg von seinem Heimatort Memmingen an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart. Nach einem Studienaufenthalt in England schloss er sein Studium 2006 mit dem Diplom in Stuttgart ab. Er lebt und arbeitet heute in Berlin. Seine Akademie hat ihn zweimal ausgezeichnet, 2009 kamen noch der Förderpreis der Stadt Konstanz und kürzlich erst ein Stipendium für Peking dazu.
In den Jahren zwischen 2004 und heute ist ein beachtliches Oeuvre entstanden, von dem wir hier nur einen kleinen, ganz bestimmten Ausschnitt sehen. Es werden hier Arbeiten gezeigt, die zwischen 2007 und 2010 entstanden sind. Kunsthistoriker werden später schreiben, das war Kirschners ‚schwarze Periode’.  Er selbst nennt seine Bilder Fotografien. Nur das sind sie erst am Ende des Produktionsprozesses, wenn sie als lamda-Print, also hoch auflösend, ausgedruckt werden. Mitten im digitalen Zeitalter leistet sich Bernd Kirschner noch den analogen Umgang mit der Fotografie. Denn die Bilder entstehen in einer ersten Phase nach der Aufnahme im Entwicklerbad. Doch da greift er schon ein, indem z. B.  der Entwickler verdünnt wird oder die Zeit der Entwicklung überdehnt wird, also so die Helligkeit oder Dunkelheit eines Bildes bestimmt wird. Die Eingriffe können auch durch hinzufügen von Fixativ geschehen, so dass Teile eines Bildes oder Bildpunkte heller bleiben. Es ist also ein wenig Alchemie dabei, dass noch andere Mixturen dazu gehören, ist nicht ausgeschlossen. Es reift schließlich im Entwicklerbad die Vorstellung von einem Bild, dass anschließend, nach Fixieren und Trocknen, mit Öl-Farbe in Schwarz- und Grautönen malerisch nachbearbeitet wird. Damit nicht genug, kommt am Ende doch die digitale Fotografie hinzu, denn das so auf analogem chemischen und künstlerischem Weg entstandene Produkt mit malerischer Nachbearbeitung wird fotografiert, als lamda-Print ausdruckt und auf einer Alu-Verbundplatte, Alucobond, aufgezogen. Noch Fragen? Dann wenden Sie sich bitte an den Künstler.
Und tatsächlich entsteht dann aus Fotografie, Entwicklung und Malerei und wieder Fotografie etwas Denkwürdiges, ein fotografisches Unikat in einem Medium, das ja eigentlich das Serielle und die Reproduzierbarkeit betont.

Hier, rechts, das Bild „Hohelied“, das seinen Titel ableitet von der schwärmerischen Verkündigung von Liebe und Erotik in biblischer Zeit,  erinnert auch an den Maler Kirschner, der in seiner Malerei Geschichten erzählt, narrative Malerei. Die Erzählungen selbst müssen Sie allerdings selbst suchen, und wenn es viele verschiedene sein sollten, ist das auch eine Qualität. Noch deutlicher wird das Erzählende im Bild im Triptychon „They are just sleeping“ rechts nebenan. Wenn man thematische Ähnlichkeiten zu Matthias Holländer  sucht, dann wird man irgendwie fündig im Raum links bei den Bildern „Wald“ und „Blätterdach“. Doch während der eine im Spiel mit Hell und Dunkel arbeitet, konturiert der andere in minutiöser Feinarbeit. Es gibt ähnliche Themen,  wie „Scrub“ und „Hecke“, doch die Manière,  die Machart ist allerdings völlig unterschiedlich.
Mit dieser Ausstellung beendet der Kunstverein seine Serie von Ausstellungen,  die es einem etablierten Künstler überließen, einen Künstler oder Künstlerin seiner Wahl einzuladen. Matthias Holländer hat Bernhard Kirschner ausgewählt.
Und wenn man ihn fragt, warum? Dann kommt die Antwort ‚Seelenverwandtschaft’.
Sie kann nur im Umgang mit der Fotografie liegen, zu der sich beide hingezogen fühlen. Doch während der eine die analoge Welt am liebsten gar nicht verlassen möchte, operiert der andere souverän in der digitalen Welt. Die fries-artigenHeckenbilder (oben im Flur)  auf Baryt-Papier könnten diese Reihung gar nicht aufweisen, wenn sie nicht digital montiert würden. Die weitere Bearbeitung mit pigmentierter Tinte schafft Kontraste und eine Tiefenwirkung, die eine Plastizität zum Ergebnis hat, wie sie die Fotografie allein nie erreichte. Diese Art der Bearbeitung trifft auf alle 16 hier ausgestellten Fotografien zu, die Matthias Holländer hartnäckig als solche bezeichnet, darunter  nur zwei analoge. Es sind also zwei völlig verschiedene Wege, wie höchst qualifizierte Maler mit Fotografie umgehen. Der eine, Holländer, ringt wahrlich um jedes Pixel und hilft ihnen noch mit malerischen Mitteln auf die Beine, während der andere in den Prozesscharakter analoger Entwicklungstechnik eingreift und am Ende etwas schafft, was es im Sinne der Fotografie kaum gibt, ein  fotografisches Unikat.
Muss man in dieser Region noch viel über Matthias Holländer erzählen? Denn in die Reihe der Laudatoren gehören Alissa Walser, der Philosophieprofessor Martin Seel und  der Schriftsteller und Germanist Adolf Muschg. Danach kann doch eigentlich nichts mehr kommen. Aus Respekt vor seinen großartigen Arbeiten und natürlich vor seiner Person müssen noch ein paar Bemerkungen folgen.
Nach seinem Studium der Malerei in Wien, das er 1978 beendete, widmete er sich in  seiner kurzen Berliner Zeit intensiv der Fotografie. Die Ergebnisse liegen in einem Bildband (Kladen, HD 2010) vor. Aus aufgefundenen Fotografien, hier sei nur sein großformatiges Gemälde Matrix erwähnt, oder aus mehreren eigenen Aufnahmen, die wieder zusammengesetzt und bearbeitet werden,   bezieht er sein seine Sujets wie für das Großformat „Hegau“ (oben links). Noch nie waren Strohballen so schön in Öl/Acryl-Technik präsentiert, vor allem dann, wenn der Strohballenschutzvlies Marke PolyTex sich auflöst und in Verwitterung übergeht.  Da es noch andere Hegau-Bilder gibt, hätte Matthias Holländer nach dem Kunstpreis der Stadt Konstanz (1994) längst einen Hegau-Kunstpreis verdient, daran werden wir gemeinsam mit Christoph Bauer arbeiten. Die anderen Preise werden hier nicht aufgezählt.
Die lexikalische Zuordnung zum Fotorealismus hat mich schon vor 20 Jahren gestört, und sie stört mich noch immer. Die Vergleiche mit den Foto-Realisten sind vorschnell. Zu der Ansicht mag man kommen, wenn man die Bilder nur aus Katalogen kennt. In der verkleinerten Reproduktion verlieren die Bilder gerade ihre Tiefendimension. Die hier gezeigten Gouachen und Öl/Acryl-Bilder weisen verschiedene Farbschichten auf, deren Pigmentierung zu entdecken lohnt. Also ruhig mal nahe heran an den „Hegau“,  oder die „Hecke II“, um die einzelnen Bildschichten zu entdecken. Die Farbintensität und Tiefenschärfe lassen den Fotorealismus aus der Zeit der Pop-Art dagegen steril aussehen. Im Entstehungsprozess werden Farbschichten aufgetragen und  auch wieder weggekratzt, geätzt oder geschliffen. Der sanfte Matthias Holländer geht vergleichsweise aggressiv mit seinen Bildern um. Erst wenn sie plan und gefirnisst, sind sie vor seinen Attacken sicher.

Es war nicht so von uns beabsichtigt, dass wir mit dieser Ausstellung das Verhältnis von Malerei und Fotografie ganz aktuell und intensiv berühren, aber es ist doch geschehen. Die Malerei hat sich schon im 17. Jahrhundert der Peilstäbe und Projektionsraster bedient, der Instrumente des technischen Zeichnens. Vielleicht erinnern sich einige an den Film „Der Kontrakt des Zeichners“ (1982) von Peter Greenaway, in dem der radikal naturalistische Zeichner Neville mit diesen Instrumenten hantiert. Im 18. Jahrhundert war die camera obscura selbstverständlich ein Hilfsinstrument der Malerei. Die Fotografie, 1839 erfolgreich vorgestellt, verursachte nun einen Prozess der Distanzierung durch Abstraktion oder durch Impressionismus und später wieder der Annäherung durch Realismus oder weiter durch den Fotorealismus. Diese höchst produktive Auseinandersetzung der Malerei mit der Fotografie kann hier nur skizziert werden. Ebenfalls vor 20 Jahren wurde auf der Cebit in Hannover die erste funktionsfähige Digital-Kamera vorgestellt, eine Revolution für die Fotografie – und wieder eine neue Herausforderung für die Malerei. Der „illegitimen Kunst“ Fotografie wuchsen Bearbeitungs- und Manipuliermöglichkeiten zu, wie sie zuvor nicht möglich waren. Die Werke von Fotografen mit Weltruhm wie Andreas Gursky und Thomas Ruff sind ohne die digitale Technik nicht denkbar.
Die Malerei kann sich dieser Revolution der bildlichen Technik gar nicht entziehen. Sie reagiert wieder mit Distanzierung oder Annäherung, wie in den Jahrhunderten zuvor. Heute stellen wir Ihnen hier zwei entsprechende  Beispiele vor. Beide Maler haben einen Kontrakt mit der Fotografie. Der eine löst ihn ein, indem er gleichsam malerisch um jedes Pixel ringt, der andere löst ihn ein, indem er Distanz hält und die Möglichkeiten analoger Fotografie neu auslotet.

Rainer Wirtz