Kultur See


12.12.2011 Südkurier Konstanz
Kunst Radolfzell "Villa Bosch"

Der stille Blick


Einen spannenden Dialog zwischen Malerei und Fotografie präsentiert der Kunstverein Radolfzell mit Werken von Matthias Holländer und Bernd Kirschner

der-stille-blickMit dem Fotoauge des Malers gesehen: ein Gemälde aus der Serie „Hecken“ (Ausschnitt) von Matthias Holländer.
Bild: Gabelmann



Als vor genau 20 Jahren der Radolfzeller Kunstverein in der Villa Bosch seine Pforten öffnete, erwarteten den Besucher Werke eines berühmten und eines weitaus weniger bekannten Künstlers: Otto Dix und Matthias Holländer. Wer zu Dix wollte, musste an den Bildern des Konstanzer Malers und Fotografen vorbei. Ein arrivierter Altmeister beförderte damals die Wahrnehmung des jungen Kollegen. Gleiches gilt für die gegenwärtige Ausstellung: Möchte man heute die Arbeiten von Holländer – inzwischen renommiert und etabliert – bestaunen, so führt der Weg ins Obergeschoss über die Bildschöpfungen des jungen Maler-Fotografen Bernd Kirschner, der von Holländer für die gemeinsame Werkschau vorgeschlagen wurde.

Bernd Kirschner, geboren 1980 in Memmingen, studierte Malerei von 2000 bis 2006 an der Stuttgarter Akademie und lebt und arbeitet heute in Berlin. 2009 erhielt er den Förderpreis für Kunst der Stadt Konstanz. Auch international ist er erfolgreich. In Radolfzell zeigt Kirschner Arbeiten aus den letzten fünf Jahren, die den Grenzbereich zwischen Foto und Gemälde ausloten. Ausgangspunkt seiner eindrucksvollen Bilder sind stets analoge Fotografien, die während des Entwicklungsprozesses einer ebenso raffinierten wie technisch aufwendigen Nachbearbeitung unterzogen werden. Durch Manipulationen von Entwickler und Fixativ, anschließende Übermalungen mit Ölfarben und abschließender digitaler Reproduktion erzielt Kirschner effektreich verfremdete Bildlösungen, in denen sich fotografische und malerische Seherfahrungen durchdringen und zu einer ganz eigenen Ästhetik transformieren.

Das Auge taucht ein in dunkle, geheimnisvoll und irreal anmutende Bildwelten aus Natursujets, Gebäuden, Figuren, Porträts. Ein irritierendes Vexierspiel mit Kontrasten, Bildebenen und Musterstrukturen schickt den Betrachter auf die Reise in traumartige Sphären, in denen sich das Dargestellte zu verflüchtigen scheint. Raumgreifende Werke wie das Triptychon „They are just sleeping“ eröffnen rätselhafte Geschichten hinter den eigentümlich unheilvollen Motiven liegender Menschen und Tiere. Kirschners weicher und subtiler Stil, der die Dinge zum Atmen bringt, erinnert dabei an die kunstvollen Licht-Schatten-Suggestionen der Piktoralisten um 1900.

Der poetisch wirkenden Aura jener Werke stellt Matthias Holländer, Jahrgang 1954, der Kirschner als „Seelenverwandten“ bezeichnet, eine klare, präzise und vermeintlich sachliche Bildsprache entgegen. Einblicke in sein Agieren im Spannungsfeld zwischen Fotografie und Malerei bieten farbstarke Gemälde und hyperrealistische Schwarz-Weiß-Aufnahmen von 2002 bis heute. Den Schwerpunkt der Radolfzeller Präsentation bildet die Serie der Heckenbilder, in der Holländers Faszination für gewachsene Strukturen der Natur und Texturen verschiedener Oberflächen anklingt. Extreme Schärfen und harte Kontraste in den Fotos lassen die Bilder seltsam unwirklich erscheinen. In den teils monumentalen Gemälden erkundet Holländer mit feinster, zeit- und arbeitsaufwendiger Lasurtechnik sowie anschließenden Abschleifungen Schichtungen und Details von Buschwerk, das sich als organisch wucherndes Gespinst formatfüllend ausbreitet. Motive und Bildebenen durchdringen sich zu einem dichten, optisch vibrierenden All-over-Geflecht. Beim Nähertreten verselbständigt sich das Sujet zu abstrakten Formgebilden. Obgleich überaus akkurat und analytisch erfasst, wirken Holländers Bilder immer eigentümlich entrückt und zeitlos. Sein langwieriger Malprozess über viele Wochen und Monate bildet dabei den reizvollen Kontrapunkt zur raschen Momentaufnahme der Fotografie.

Die Ausstellung thematisiert das beziehungsreiche Verhältnis zwischen Malerei und Fotografie und stellt zwei kraftvolle Positionen im Umgang mit Pinsel und Kamera vor: greift Bernd Kirschner bereits in den Entwicklungsvorgang ein und verfremdet gezielt seine Bilder zugunsten einer experimentierfreudigen Distanzierung von der bloßen Fotografie, so beschwört Matthias Holländer hyperrealistische Bildwelten, ringt mit digitaler Technik um jedes Pixel und schafft mit seinen Gemälden eine starke Annäherung an die Fotokunst. Beides verdichtet sich zu einer gelungenen Zusammenschau.

Fotografie und Malerei – Matthias Holländer und Bernd Kirschner, Kunstverein Radolfzell e.V. in der Villa Bosch, Scheffelstr. 8. Bis 15. Januar, Di–So 14–17.30 Uhr. Geschlossen am 24., 25. und 31. Dezember.