SCHNITTE UND SCHICHTUNGEN – Thomas Heyl und Edda Jachens

Vernissage im Kunstverein Radolfzell, Villa Bosch, 29. November 2019

Schnitte und Schichtungen. Oder: Farbe und Form. Oder: Fläche und Raum. Oder: Muster und Strukturen. Oder: Ruhe und Bewegung. So könnten die Titel für diese Ausstellung auch lauten. Denn all diese Aspekte und Elemente finden sich in den Bildern der beiden Künstler Edda Jachens und Thomas Heyl, die der Kunstverein in dieser Werkschau vorstellen möchte.

Lassen Sie mich mit Edda Jachens beginnen, deren Arbeiten wir hier im Erdgeschoss der Villa Bosch sehen. Uns begegnen Gemälde und Aquarelle, in denen sich geometrische Grundformen und strenge Musterstrukturen zu transparenten Spannungsfeldern zwischen Fläche und Farbe, Licht und Raum entfalten. Doch bevor wir uns den Werken näher zuwenden, darf ich Ihnen die Künstlerin vorstellen.

Geboren 1960 in Bremen, studierte Edda Jachens zunächst Medizin in Hamburg bevor sie sich 1982 durch das Studium der Freien Kunst an der Muthesius-Hochschule in Kiel dem bildkünstlerischen Schaffen zuwandte; 1988 schloß sich daran ein Studium an der Central School of Art and Design in London an. Eine Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellung in Galerien, Kunstvereinen und Museen machen seit Mitte der 1990er Jahre das Werk von Edda Jachens beim Publikum im In- und Ausland bekannt. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Stuttgart.

Im Mittelpunkt der Bildschöpfungen von Edda Jachens steht die Wechselwirkung zwischen Formelementen und Farbflächen, die sich in vielfältigen Schichtungen, Überlagerungen und Durchdringungen gleichermaßen verdichten wie auch auflösen. Eine Reduktion auf Grundmodule wie Kreise, Quadrate und Rechtecke bestimmt dabei den Aufbau ihrer Gemälde, die mit Acrylfarben und Wachs auf Holztafeln und Büttenpapier ausgeführt sind. Der Überzug mit Paraffinwachs lässt die Farben und Strukturen wie hinter einer diffusen Membran milchig zurücktreten, verleiht dem Gezeigten aber zugleich eine überraschende Tiefe und Räumlichkeit. Ebenso gewinnen die Darstellungen durch das Wachs eine ganz besondere, sinnlich-atmosphärische Wirkung und einen zeit-entrückten, fast ikonenhaften Charakter (ein Werk trägt denn auch den Titel „Ikone Orange“).

Dazu erklärt Jachens: „In meiner Arbeit mit Paraffin interessiert mich das Thema Transparenz, das Hindurchscheinen und das Schwingen im Raum, ebenso wie der Grat zwischen Klarheit und Auflösung.“ Und so tastet sich unser Auge durch die transparenten Wachsschichten zu den Farbflächen und Linienmustern vor, die mit fein abgestuften Nuancen und subtilen Überlagerungen eine gleichsam schwebende Leichtigkeit entwickeln.

Ihre besondere Spannung beziehen die Arbeiten aus der Gleichzeitigkeit, mit der etwas kraftvoll und konkret sichtbar in den Vordergrund, an die Oberfläche, drängt und sich im nächsten Moment in fast unendliche Bildtiefen verflüchtigt. Konturen verschwimmen zwischen Nähe und Ferne; Farbformen und Bildgründe verschmelzen durch bewusste Unschärfen. Das Wachs entrückt das Dargestellte in unwirklich anmutende Sphären.

Neben den Malereien mit Wachs bilden die Aquarelle die zweite große Werkgruppe im Schaffen von Edda Jachens. Mit Titeln wie „Schichtungen“ und „Kreuzungen“, die sie ihren Aquarell-Serien der gibt, verdeutlich Jachens zugleich das Gestaltungsprinzip: breite, lasierende Pinselzüge werden in einem akkuraten und präzisen Arbeitsprozess so über die Blätter gestrichen, daß sich übereinander gelagerte, gitterartige aber auch frei malerische Strukturen in unterschiedlicher Konsistenz und Intensität ergeben. In den neuesten Arbeiten liegend bis zu 200 Farbschichten übereinander. Minimale Verschiebungen in den Winkeln der Schichtungen erzeugen eine verblüffende Lebendigkeit und versorgen den meist strengen, an sich statischen Bildaufbau mit einer dynamischen Energie, die vor unserem Auge zu vibrieren und zu pulsieren scheint. Wir meinen Farbfolien zu erkennen, die von hinten durchstrahlt sind und eine geheimnisvolle Lichtaura gewinnen.

Dazu erklärt Jachens: „In meinen Aquarellen lege ich eine Vielzahl dünner, transparenter Farbbahnen übereinander, wodurch sich allmählich die Farbe konzentriert und eine meditative Dichte entsteht“. So erscheinen zarte Farbschleier neben dunklen Farbtiefen. Wie in den Wachstafeln verschränken sich in den Aquarellen rationale Ordnung und formale Schlichtheit mit einer starken sinnlichen Ausstrahlung. In den objekthaften Wachstafel und den fragilen Papierarbeiten von Edda Jachens entfaltet sich eine immaterielle Schönheit des Kolorits, was zu einer transzendenten Verräumlichung der Farbformen und Linienmuster führt. Eine stille Harmonie spricht aus diesen Werken.

Im Obergeschoss der Ausstellung erleben wir die Scherenschnitte und Malereien von Thomas Heyl. Mit ebenso expressiver Dynamik wie klarer Präzision erkundet Heyl das vielschichtige Wechselspiel zwischen Form und Fläche, Material und Raum.

Geboren 1960 in Coburg, erhielt Thomas Heyl seine künstlerische Ausbildung in den Jahren 1980-86 durch das Studium der Malerei und Kunsterziehung an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seit 2006 ist er als Professor für Kunst und ihre Didaktik an der PH Freiburg tätig. Thomas Heyl lebt und arbeitet in Freiburg und in Stockdorf bei München.
Schichtungen und Durchdringungen von Formelementen und Farbflächen prägen den gestalterischen Ansatz in Heyls Schaffen. Dabei agiert er in zwei unterschiedlichen Medien: dem sogenannten Scherenschnitt, ausgeführt mit dem Cutter oder auch manuell in Papier, und der Malerei mit Pinsel und Farbe, wobei auch hier Papier als Bildträger fungiert.

Einen Schwerpunkt der Präsentation bilden die außergewöhnlichen Papierschnitte, bei denen Heyl mit virtuoser Technik verblüffende Wirkungen zwischen Form, Fläche und Raum erzielt: in das lichte Grau und tiefe Schwarz sowie in die strahlende Farbigkeit der mit Russpigmenten und Acrylfarben bemalten Papieroberflächen schneidet oder reisst Heyl geometrisch-exakte oder freie, organisch-bewegte Formgebilde. Diese herausgelösten Konturformen, diese Fehlstellen, erzeugen wiederum neue Vorstellungen, die an der Schwelle zur Dreidimensionalität ganz wesentlich in die Bildaussage eingreifen. Durch die ungewöhnliche Präsentation der Blätter ohne Rahmen wird die helle Fläche der Wand, hier die Struktur der Rauhfasertapete im Ausstellungsraum, zu einem wichtigen Teil der Bildwirkung. Neben den harten Schwarz-Weiß-Kontrasten und dezenten Schattenbildungen ergeben sich so zugleich komplexe Reliefwirkungen sowie überraschende optische und reale Bildräumlichkeiten. Auch betont die offene Hängung der Blätter den besonderen, objekthaften Materialcharakter der Arbeiten.

Fragile Transparenz, malerische Lebendigkeit und scharfkantige Verdichtung, ein stetiges Davor und Dahinter von klaren Konturflächen und gestischen Linienspuren, bestimmen den experimentierfreudigen Ausdruck der Papierschnitte.

Ein raffiniertes Spiel mit Bild- und Wahrnehmungsebenen treibt Heyl auch in seinen Gemälden. Dort agiert er mit verschiedenen Farbpigmenten, die mittels Pinsel, häufig aber auch Pinselstiel, Fingern oder Rakeln in einem lebhaft bewegten, spontan anmutenden Malakt auf das Papier gebracht werden. Durchdringungen und Überlagerungen von durchsichtigen und kompakten Farbflächen, von raschen Linienschwüngen und breiten Formbahnen, dazwischengeschaltet zeichnerische Momente und schwingende Verläufe, mal heftig und ungestüm, dann wieder sorgsam und konzentriert gesetzt, kennzeichnen Heyls Bildsprache. Ständig scheint alles in Bewegung, je in einem Prozess der Wandlung und Transformation begriffen.

In Heyls Bildschöpfungen, seien es die Papierschnitte oder die Malereien, eröffnen sich dem Betrachter ungeahnte Bildräume. Die Kompositionen können auch als bildnerische Versuchsanordnungen gedeutet werden, in denen Heyl Zustände des Malens durchspielt. Ja, der Vorgang des Malens an sich scheint das eigentliche Thema der Bildfindungen zu sein. Ebenso hinterfragt Heyl unsere Wahrnehmung, unsere Sinneseindrücke beim Betrachten von Flächen und Farben, von Linien und Strukturen, wobei das Eindeutige immer schwer fassbar bleibt.

Dazu erklärt Heyl: „Die beiden Werkgruppen „Scherenschnitte“ und „Malerei“ sind mehrfach miteinander verbunden. Zunächst durch den Bildträger Papier, der in den bildnerischen Prozess immer einkalkuliert ist. Auf allen Bildern ereignet sich Malerei, teils in vielfachen Überlagerungen von pastosen und lasierenden Farbschichten. Das Formrepertoire ist meist ähnlich: teilweise komplexe Geflechte aus sich durchdringenden Gittern, Bändern, schlauchartigen Formen eingehüllt von Blasen und Geweben. Und immer wieder ein klarer und unmissverständlicher Eingriff. Durch eine klärende Kante oder einen scharfen Schnitt.“

Bevorzugt gibt Heyl seinen Werken sprechende Titel mit einem poetischen-erzählerischen Unterton wie etwa „Unbemerktes Ereignis“, „Prophezeiung“, „Leicht will ich`s machen“ oder „Spontane Behauptung“. So eröffnen sich dem Betrachter assoziationsreiche Zugänge zu dem Gezeigten, bieten sich emotionale Denkräume an, die uns in Gefilde der Imagination, des Rätselhaften und des Mehrdeutigen entführen, in dem die inhaltliche Lesbarkeit stets offen bleibt.

Beim abschließenden Rundgang durch die beiden Stockwerke zeigt sich: Beide Künstler aktivieren unser Auge und stellen unsere Wahrnehmung auf den Prüfstand. Mit ihren Bildobjekten und Aquarellen, ihren Papierschnitten und Malereien, ihren Schichtungen und Durchdringungen fordern Edda Jachens und Thomas Heyl den Sehprozess heraus, faszinieren durch das Vor- und Zurückspringen von Bildform, Bildgrund und Bildraum. Momente des Sehens und Erkennens werden auf ebenso subtile wie zupackende Weise thematisiert. Jachens und Heyl lassen uns, mal streng konstruktiv, mal spielerisch leicht, eintauchen in fragile Schwebezustände und flüchtige Zwischenräume. Ihre Werke überzeugen durch sinnliche Präsenz, technische Virtuosität und elementaren Ausdruck.


© Dr. Andreas Gabelmann