Verehrte Gäste, liebe Freunde der Kunst!

Die Künstlerin Martina Geist und der Künstler Abi Shek sind Holzschneider. Es geht also um den Holzschnitt und damit um die älteste druckgrafische Vervielfältigungstechnik.

Ein kurzer Exkurs in die Anfänge dieser Technik sei mir erlaubt. Sie kam auf vor etwa 500 Jahren in der Zeit der Reformation und des Bauernkrieges.
Die Erfindung des Papiers hatte sich bereits in Europa verbreitet, damit war die Voraussetzung für eine Vervielfältigung von Druckerzeugnissen geschaffen.
Der Traum von so vielen, einmal im Leben ein eigenes, privates und erschwingliches Andachtsbild selbst zu besitzen, war ungeheuer groß. Diesem drängenden Bedürfnis der Gläubigen kam der Holzschnitt entgegen.

Für den Bau der Kirche San Rocco, einer der Pestkirchen in Venedig – mehr als 20 Mal hatte die Pest in Venedig gewütet - schuf Tizian einen Holzschnitt. Darauf war die Kirche zu sehen, auch der Pestheilige San Rochus und eine Spendenbüchse. Dieser Holzschnitt war dafür gemacht, dass zum Bau der Kirche Spenden flossen. Und die Spenden flossen... San Rocco konnte gebaut werden. Der Holzschnitt war somit in seinem Ursprung von einer kirchenpolitischen Dimension, die alle Gläubigen verband.

Am Ende des Mittelalters verhalf Albrecht Dürer dem Holzschnitt zu einer großen Blüte. Und mit seinen 350 Holzschnitten befriedigte er, dank der Auflagen zu moderaten Preisen, einer inzwischen breiten Käuferschicht das Bedürfnis nach Bildern.

Auf diesem geschichtlichen Hintergrund ist der Holzschnitt von heute zu sehen. Während die Druckindustrie hochspezialisierte Verfahren im Maschinendruck entwickelt hat und über Nacht Millionenauflagen drucken kann, werden die druckgrafischen Techniken weiterhin von Künstlern genutzt. So lebt der Handdruck, auch wenn er den Ansprüchen der Druckindustrie längst nicht mehr genügt, in der Kunst weiter wegen seiner eigenen Gestaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten, die auf keine andere Weise zu erzeugen sind. Meist erscheint er nur in minimaler Auflage, oft nur als Unikat.
Wenn es um den Holzschnitt von heute geht, dann fallen die Namen der beiden Künstler, die wir heute in der Villa Bosch präsentieren: Martina Geist und Abi Shek.

Zunächst zu Martina Geist. Die Motive für ihre Holzschnitte stammen aus ihrem direkten Umfeld, dem Haus, den Gegenständen im Haus: Stühle, Tische, Tassen und Gläser, Besteck, auch Obst finden wir in ihren Bildern, als Stillleben präsentiert. Still ist es allerdings keineswegs in ihren Stillleben. Gegenstände und Räume geraten in Bewegung. Tassen fallen um, Gläser kippen und ergießen sich. Martina Geist inszeniert Alltägliches zu ganz neuen, ungewohnten und unerwarteten Kompositionen voller Dynamik.

Exemplarisch für ihre Arbeit habe ich ein Bild ausgewählt. Sie können es nicht übersehen, wenn Sie durch die Ausstellung gehen. Als größtes füllt es eine ganze Wand.
Wir sehen das Bild einer Bühne, so lautet auch der Titel des Bildes, eine Bühne, im Schiefstand. Wie in einer Drehspirale ist alles durcheinander gewirbelt, zunächst scheint nichts im Lot, ist jedoch erstaunlicherweise ausgewogen und im Gleichgewicht. Ein gelungener Balanceakt?
Ist das ein Haus, wie es der Titel auf der Einladungskarte zur Ausstellung ankündigt? Sind es Räume? Was wird uns da auf der Bühne vor Augen geführt?
Wir sehen ein Bild, das durch seine Anordnung intensiv räumlich wirkt, es ist nur eine andere Art von Raum, die Irritation eines Raumes in einer nur scheinbar instabilen Lage. Anklänge an ein kubistisches Bild drängen sich auf: ein Bild, mit Brechungen und Verfremdungen, das den Raum formal neu gliedert, das durch neu entstehende Werte- und Kräfteverhältnisse die Welt in ihrer Scheinbarkeit vorführt.
Mit den Stühlen, also mit realen Gegenständen, geraten die Räume und das Haus in Bewegung. Alle sind gleichwertige Bauelemente in der Bildarchitektur von Martina Geist. Kippende Stühle, sie laden nicht zum Sitzen ein. Es gibt keine Stabilität, keine Sicherheit. Die Dinge sind durcheinander geraten, als ob sie einen Tanz vollführt hätten, alles ist in Bewegung geraten, hat gezittert und gebebt, und nun, wie nach einem Sturm: ein Stillstand!  
Die Stühle scheinen erstarrt in der Bewegung, eingefroren. Einigen Stühlen fehlen zwei Beine. Nur ein Piktogramm am Rande des Bildes weist auf die mögliche Benutzbarkeit eines Stuhls hin. Aber Ruhe ist eingekehrt. Die Dinge haben sich, wenn auch verschoben, wieder gefunden, sie sind neu ausbalanciert. Dynamisch gefügt, speisen sie sich aus Kontrastharmonien zu einem stimmigen Ensemble.

Martina Geist führt uns auf ihrer Bühne Raum und Zeit vor. Sie erweitert den Raum um die Dimension der Zeit, zeigt Turbulenzen auf, aber auch Beruhigung und Neuordnung. Wirklichkeit und Kunst begegnen uns auf ihrer Bühne. Welttheater? Ihnen als Betrachter bleibt es überlassen sich eigene Gedanken zu machen über das Bild und über diese unruhige und instabile Zeit. Dazu meint der Kunsthistoriker Hans-Dieter Fronz „Trost fließt aus der schöpferischen Hand der Künstlerin, die uns all dies vor Augen stellt… retten kann wohl aber Kunst als bewahrende Reflexion, die dem Zerstörungswerk der Zeit Einhalt gebietet“.

Nun zum Holzschnitt:
Raum und Gegenstand werden bei Martina Geist zum tektonischen Element, zum Baumaterial, wobei die ins Holz geschnittene Linie stets den Körper umreißt und sich plastisch, gleich einer Skulptur, von der Fläche des Untergrundes abhebt. Die hellen durch den Schnitt bedingten Zäsuren zeigen ihre Form des Zeichnens auf, sie sind eigenständig gegenüber der Farbfläche, die die Künstlerin anschließend in den Druckstock reibt. Mit diesem Handabdruck auf Holz erzielt sie druckspezifische Farbräume - auf unserem Bild dunkel, grau und schwarz, dann wieder kräftig leuchtend in Rot - und Orangetönen - wie sie nur im Holzschnitt möglich sind. Dieser wird zum Tafelbild auf dem Zeichnung, Malerei und Relief gleichwertig vereint sind. Ihr Holzschnitt als Druck ist in der Regel ein Unikat.
Martina Geist hat zur Neubelebung des Holzschnitts in Deutschland einen ganz wesentlichen Beitrag geleistet.

Unterschiedlich zu ihr hat sich Abi Shek im neuzeitlichen Holzschnitt etabliert.
Ist es bei Martina Geist die außergewöhnliche Sensibilität für Fläche und Raum,
so reagiert Abi Shek höchst sensibel auf Natur und Kreatur.
Mit der Ausdruckskraft des Holzschnitts verbindet er sein Erleben mit den Tieren, mit denen er sich aufs Engste verbunden fühlt. Diese Vorliebe für Tiere und Natur und für alles Erdnahe und Unverbildete rührt aus seiner Kindheit in einem Kibbuz in Israel her. Abi Shek zog umher mit den Viehherden, des Nachts hörte er das Blöken der Kälber. Stundenlang kroch er auch mit der Taschenlampe durch die nahegelegenen Kalksteinhöhlen, die viele prähistorische Funde aufweisen. Die Suche nach Relikten aus früherer Zeit und die Nähe zu den Tieren hat ihn geprägt.
Manchmal nach Vorzeichnungen manchmal ganz intuitiv gräbt er das intensiv Erlebte seiner Bildwelt mit Hammer und Meißel ins Holz ein, so wie in uralten Zeiten Menschen Bilder und Zeichen in die Wände der Höhlen hineinritzten. Hier bei den Tieren spürt er Nähe und Intensität. Mit ihnen fühlt er sich verbunden, den Rindern, Kälbern, Ziegen, Vögeln, Schlangen, Steinböcken, Hirschen und Wölfen. Abi Shek bedient sich einer modernen und zugleich primitivistischen Formgebung indem er spontan auf die primitiven Formen zurückgreift und sie immer auf das Wesentliche reduziert.
Die Tiere tauchen auf wie Silhouetten, schwarze Schatten auf weißem Grund. Ohne Perspektive und dennoch dynamisch und lebendig, erinnern sie an archäische Urbilder, an Ur-Menschliches. In seinen puristisch anmutenden Arbeiten bewegt er sich im magischen Raum der Schatten, Übergänge zwischen Mensch, Tier und Objekt anvisierend. Seine Bilder haben keine Namen, seine Arbeiten tragen keinen Titel, nur die Bildkraft spricht, lautlos und still. Man meint Wüstennähe zu spüren, die Kargheit, die Unerbittlichkeit, die Strenge, das Fehlen jeglichen Beiwerks. Es scheint eine Fabelwelt, die unsere Sinne berührt. Sie wirkt wesenhaft, mit magischer Kraft ausgestattet. Dabei löst sie sich aus den Wahrnehmungskategorien und - mustern und ergibt Neues: Nähe des Kreatürlichen, ja kafkaeske Übergänge von menschlichem und kreatürlichem Sein. Wenn er gar diese Fabelwelt mit großformatigen Holzschnitten auf die Leinwand bannt, so dass sie den Raum beherrschen, ist es, als ob er ihnen ein Denkmal setzen wolle von universellem Charakter, das Kulturen und Zeiten mit einander verbindet.


Traditionell druckt Abi Shek seine Holzschnitte mittels Handabrieb tiefschwarz. Er hat diese alte Tradition bewahrt und Neues, ganz Eigenes geschaffen. In den Arbeiten der letzten Zeit setzt er zusätzliche Kontraste, wenn er seine Holzschnitte mit blauen Tuschezeichnungen zusammenführt. Auch zart Florales bringt er dabei mit ins Spiel.


Ihnen, verehrte Betrachter, bleibt es nun überlassen, die prähistorisch anmutenden Holzschnitte auf ihre Bedeutung für Sie zu hinterfragen. Besonders möchte ich dabei ihr Augenmerk auf die schleierhaften Ergänzungen mit Tusche richten im durchscheinenden Blau der Romantik.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

© Trude Kränzl