Gary Krüger und FEROSE

04. JULI – 16. AUGUST 2020 | DONNERSTAG – SONNTAG 14:00 – 17:00 UHR

 


Gary Krüger  


  


FEROSE  

 

GESCHWEISST UND GEDRUCKT

 


FEROSE – Eisenplastik, Gary Krüger – Druckgraphik
Einführung in die Ausstellung des Kunstvereins Radolfzell, Villa Bosch, 4. Juli bis 16. August 2020

Metall ist das verbindende Element im künstlerischen Schaffen von FEROSE und Gary Krüger. Aus dem widerständigen Material lässt die Bildhauerin FEROSE geschweisste Skulpturen und Wandobjekte entstehen; der Graphiker, Maler und Fotograf Gary Krüger nutzt den Werkstoff als Träger für druckgraphische Arbeiten. Beide Künstler gelangen durch ihren individuellen Umgang mit Eisen und Kupfer zu eigenständigen, unverwechselbaren Werken, die sich im weiten Spannungsfeld zwischen plastischer Form und flächigem Ausdruck entfalten.


Bevor wir uns den Skulpturen und Reliefs im Obergeschoss näher zuwenden, soll die Künstlerin vorgestellt werden: Geboren 1962 in Heidelberg, absolvierte FEROSE zunächst eine Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin, bevor sie von 1985 bis 1989 an der Freien Kunststudienstätte Ottersberg Kunst mit Schwerpunkt Bildhauerei studierte. Die Hinwendung zur Eisenplastik erfolgte 1989 durch ihre Ausbildung und Mitarbeit bei dem Schweizer Eisenplastiker F. Madörin in Rothist. Studienreisen führten die Künstlerin nach Spanien, Sri Lanka und Israel. Seit den frühen 1990er Jahren machen eine Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen das bildhauerische Werk von FEROSE einem internationalen Publikum bekannt. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Öhningen am Untersee.


Stark und massiv, fragil und transparent, filigran und wuchtig: So begegnen uns die Eisenplastiken von FEROSE. Freistehende Skulpturen und reliefhafte Wandarbeiten, von der Künstlerin auch „Hüllen“ und „Fragmente“ genannt, prägen ihr bildhauerisches Schaffen. Die ebenso archaische wie anmutige Form gewinnen die Werke durch geschweißtes Eisen. In einem konzentrierten, oft über mehrere Monate andauernden Arbeitsprozess fügt FEROSE eine Vielzahl einzelner Stäbe aneinander, die im unterschiedlich dichten Verbund ein eindrucksvolles Spektrum verschiedenster Oberflächenstrukturen und Materialtexturen entstehen lassen. „Die offene Flamme macht das Eisen flüssig, es wird Tropfen für Tropfen verbunden, strukturiert. Es kühlt ab, wird fest. Die Hitze hinterlässt ihre Spur“, erklärt FEROSE dieses zeit- und arbeitsaufwendige Verfahren.


Die teils überlebensgroßen Werke entfalten ihre außerordentliche Wirkung im Wechselspiel zwischen konstruktivem Aufbau und organisch gewachsener Anmutung. „Die Formen wachsen – verdichten sich. Das an sich kraftvolle Eisen wird sensibel – lebendig“, beschreibt die Künstlerin diesen Ausdruck. Die herbe Eigensprache des Materials, die spezifischen Bedingungen des Werkstoffes Eisen gelangen unmittelbar zur Geltung und prägen ganz wesentlich die besondere Aura der Arbeiten. Lebhafte Oberflächenqualitäten zwischen rauh und porös, glatt und glänzend, durchbrochen und schroff, netzartig gespannt oder wandartig geschlossen, bestimmen den starken haptischen Reiz von FEROSEs Plastiken. Wie eine brüchige Haut, eine schwingende Membran, ein offenporiges Gewebe umschließen die Flächen und linearen Gebilde definierte Räume.


Ein vielschichtiges Wechselspiel zwischen Außen und Innen, Hülle und Inhalt, Umfassen und Verbergen, Schützen und Offenlegen, Volumen und Umraum, dehnt sich dem Betrachter entgegen. Manche Arbeiten wirken wie urtümliche Behausungen, erinnern an zeltartige Unterstände, Kuppeln oder Hütten. Andere wecken Assoziationen an rudimentäre Gefäße oder textile Stofflichkeiten, wieder andere vermitteln den Charakter von Fragmenten oder Fundstücken, auf deren wie verwittert wirkenden Oberflächen gezielte Rostprozesse patinaartige Texturen hervorgebracht haben. Immer spannt FEROSE dabei den Bogen zwischen einer fragilen Durchlässigkeit und einer hermetischen Geschlossenheit der Formen und Flächen. Vor allem in den zweidimensional konzipierten Wandobjekten erfahren die reliefartigen Oberflächen mit ihren feinen Nuancen der Farbtöne und den sichtbaren Bearbeitungsspuren bisweilen einen geradezu malerisch oder graphisch anmutenden Ausdruck. Ebenso rufen die Wandtafeln Assoziationen an naturhafte Strukturen wie Erosionen, Baumrinden, Pflanzenfasern oder Wellenbewegungen wach.


Auch scheinen die Plastiken eine innere Kraft zu besitzen, die nach außen drängt und die strengen Formgebilde zum Pulsieren und Atmen bringt, deren Energie die teils dünnwandigen, teils netzartigen Ummantelungen durchdringen und gleichermaßen sinnlich wie emotional auf den Betrachter einwirken. Durch FEROSEs virtuosen Umgang mit der Technik der Eisenbildhauerei wird die Schwere des harten Materials aufgehoben und wandelt sich zu feingliedrigen, bisweilen luftig wirkenden Strukturen, die wie zarte Gewebe sanft ein- und ausschwingen. In gitterartigen Wandskulpturen unternimmt FEROSE eine dynamische Durchdringung von Linie und Raum. Nicht selten erfahren die Werke, vor allem im Kontext von Natur und Landschaft, eine überraschende Leichtigkeit, erscheinen geradezu grazil und elegant, behaupten sich dann auch wieder machtvoll und monumental im Raum.


Stelenartig emporragend oder breitgelagert ausgreifend, an der Wand hängend oder am Boden liegend, suchen die stets ohne Sockel konzipierten Arbeiten den unmittelbaren Bezug zum Umraum und binden den Betrachter auf eindringliche Weise in ihre elementare Aussage und Wirkung ein.


Wenden wir uns nun den Bildern im Erdgeschoss zu: Geboren 1959 in Cooma in Australien, zog es Gary Krüger zu Beginn der 60er Jahre nach Deutschland, wo er in Hamburg zunächst die Seefahrtschule besuchte und eine einjährige Ausbildung zum nautischen Offiziersassistenten absolvierte. Von 1979 bis 1983 studierte er Malerei an der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung (heutige Hochschule für angewandte Wissenschaften) und Drucktechnik an der dortigen Kunstakademie. 1991 siedelte er vom Norden an den Bodensee über und führt seit 2004 sein Atelier mit Druckwerkstatt in Rielasingen. Seit 2000 bildet die Heliogravüre einen Schwerpunkt seines Schaffens. In dieser heute seltenen, da aufwendigen und komplizierten Drucktechnik gilt Gary Krüger als ausgewiesener Spezialist, der seine Kenntnisse auch als Lehrer weitervermittelt, so etwa 2010 als Dozent für Heliogravüre an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 1984 machen eine Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Russland und Südafrika das Werk Gary Krügers einem internationalen Publikum bekannt.


Krügers Schaffen entwickelt sich in verschiedenen Bildtechniken und Werkserien. Dabei sorgt der wechselseitige Dialog zwischen Malerei, Fotografie und Druckgraphik für entscheidende Impulse. „Künstlerisches Schaffen bedeutet für mich, eine persönliche Sprache zu entwickeln und eigene Vokabeln hinzuzufügen. So besitzt jede künstlerische Technik (Malerei, Druckgrafik, Fotografie) auch einen eigenen Dialekt, den ich je nach Bildidee einsetze“, erklärt Krüger seinen Umgang mit den Bildmedien. Die aktuelle Präsentation im Kunstverein Radolfzell konzentriert sich auf die Druckgraphiken. Ausgesprochen experimentierfreudig und virtuos agiert Krüger im Medium der Heliogravüre und der Carborundum-Technik.


Die Heliogravüren basieren auf fotografischen Vorlagen, die Krüger während zahlreichen Reisen anfertigte, und wandeln diese ab. Bei der Heliogravüre handelt es sich um ein überaus komplexes, zeitaufwendiges Verfahren zur druckgraphischen Reproduktion von Fotografien. Dabei wird das Foto-Motiv mit Hilfe eines Positivfilmes und einer lichtempfindlichen Gelatine auf eine Kupferplatte übertragen und nach anschließender Ätzung und Einfärbung auf angefeuchtetes Papier gedruckt. Im Unterschied zur klassischen Druckgraphik (Holzschnitte, Radierungen etc.) erscheint das Motiv nicht seitenverkehrt. Vor allem sorgt die enorme Bandbreite zwischen samtigen tiefen Schwarz- und hellsten strahlenden Weisstönen, die je nach dem Grad der Ätzung entstehen, für eine nuancenreiche Lebendigkeit der Bildwirkung, die in keiner anderen fotomechanischen Drucktechnik zu erzielen ist.


In seinen Heliogravüren schichtet Krüger mehrere Fotografien übereinander. So entstehen sich überlagernde Bildebenen, bei der verschiedene Motive – Architektur- oder Landschaftsausschnitte – wie in einer Collage zu neuen, überraschenden Bildgeschichten zueinanderfinden. Durch das Übereinanderblenden erfährt das Gezeigte eine abstrahierende Verfremdung. Mit der Kombination von Bildebenen gelingt Krüger die Transformation des Gesehenen in eine eigene, autonome Bildrealität, die dem Betrachter unerwartete sinnliche und gedankliche Erfahrungsräume öffnet. Nicht selten gewinnen die Heliogravüren auch den entrückten Charme alter, verblichener oder zerkratzter Fotografien, so daß wiederum der Faktor Zeit in der Bildaussage mitschwingt.


In neueren Bildserien wie „Vertigo“ verbindet Krüger die Heliogravüre mit Carborundum. Zu diesem Verfahren erklärt er: „Carborundum ist Siliciumcarbid mit diamantähnlichen Eigenschaften. Auf dem Markt ist es in verschiedenen Körnungen bis hin zum feinsten Pulver erhältlich. Das Carbid wird mit verdünntem Holzleim auf eine Trägerplatte (Kupfer, Holz, Acryl) aufgetragen, wobei sich je nach Korngröße alle Stufen von weiß bis schwarz darstellen lassen. Nach Trocknung wird die Carborundumschicht mit Tiefdruckfarbe eingerieben und gedruckt. Je dünner die Leimlösung, desto feiner die Linienführung bis hin zur Malerei. Ich habe diese Lösung u. a. mit Farbpigmenten versetzt, so ist es möglich, von einer Malerei einen direkten Druck zu realisieren. Neben dem Carbid lassen sich auch mit anderen Materialien, wie ich sie verwendet habe - Stoff, Magnesium, Wollfäden etc. - besondere Wirkungen erzielen.“ So entsteht quasi gemalte Druckgraphik, die Krüger in mehreren Druckvorgängen immer wieder neu variiert.
Krügers Bildwelt entfaltet sich zwischen beobachteter Gegenständlichkeit und freier Abstraktion. In der Serie der Künstlerporträts verfremdet er Köpfe von Malern, die ihn inspirierten, wie etwa Lucian Freund oder David Hockney. Die gezielte Formauflösung deren Gesichter lässt an Zeit- oder Witterungsprozesse denken. Die rein abstrakten Kompositionen verweisen einerseits auf konkrete motivische Anregungen wie beispielsweise bei „Notting Hill“ oder organische Assoziationen wie etwa bei „Synapse“, gewinnen andererseits durch gestisch bewegte Lineaturen, harte Hell-Dunkel-Kontraste, blockhafte Formverdichtungen, zeichenartige Elemente, schroffe Oberflächentexturen und offenliegenden Partien der Druckplatten eine energische Expressivität und vitale Unmittelbarkeit. Zeitkritische Töne mit aktuellem Bezug zum Hier und Heute klingen in Gemälden wie „Lockdown in Soho“ an, bei dem Krüger Fragmente einer Fotografie teilweise übermalte und die Örtlichkeit gleichsam auslöschte. Ironisch gebrochene Untertöne schlägt er schließlich in heliogravierten und fotorealistisch gemalten Selbstbildnissen wie „Unter Druck“, „Längsschnitt / Querschnitt“ und „Bitte nicht nachmachen“ an.


Eine besondere Faszination offenbart sich in Krügers Präsentation der zugehörigen Druckplatten aus Kupfer oder Acrylglas. Hierdurch werden dem Betrachter seltene und spannende Einblicke in den Arbeitsprozess auf dem Metall und das Endergebnis auf dem Papier gewährt. Außerdem gewinnen die Druckträger, die üblicherweise im Atelier verbleiben, mit ihrer reliefhaften Haptik und archaischen Aura einen ganz eigenen, objekthaften Charakter.
Die Werke von FEROSE und Gary Krüger leben vor allem durch die Aussagekraft der Materialien und Bildtechniken. Beide Künstler agieren aus den spezifischen Bedingungen von Metall (und Kunststoff) und gelangen mit einem kraftvollen Gestaltungsakt zu autonomen Formschöpfungen, die der Skulptur und Druckgraphik unkonventionelle Ausdrucksformen entlocken. Im Aktionsfeld zwischen Volumen, Raum und Fläche loten FEROSE und Gary Krüger formale Strukturen aus, die durch die bildhauerische wie auch graphisch-malerische Behandlung des Metalls unterschiedlichste Wirkungen erzeugen. Dem konstruktiven Ansatz von FEROSEs Eisenplastiken antworten Krügers Graphiken mit einem expressiven und bisweilen destruktiven Gestaltungsprozess. Über die sinnliche Aura des Materials hinaus laden die Werke den Betrachter auch zu eigenen Interpretationen und Deutungen des Gezeigten ein.

© Dr. Andreas Gabelmann, Kunsthistoriker, Radolfzell