Barbara Klemm / Frank Röth



Schwarz-Weiss



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Barbara Klemm   Frank Röth

 

Dauer:   12.03.2011 – 25.04.2011
    platzhalter
Öffnungszeiten:   Di – So 14.00 – 17.30 Uhr
    Karfreitag geschlossen
    platzhalter
Eröffnung der Ausstellung: platzhalter Freitag 11.03.2011 um 19.00 Uhr
    Prof. Dr. Rainer Wirtz
    Eröffnungsrede: PDF-Download >>
     
Presse:   SÜDKURIER (Andreas Gabelmann):
PDF-Download >>

 

Frank Röth – Fotografien Pellworm-Moskau 1995-2005 im Kunstverein Radolfzell

Frank Röth, seit 1995 Redaktionsfotograf der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zeigt in der Ausstellung Schwarzweiß-Fotografien, die er auf verschiedenen Reportagereisen im In- und Ausland für die Zeitung gemacht hat. Harmonischen Landschaften deutscher Nationalparks, Portraits, der Alltag in verschiedenen Ländern und Regionen geben Einblick in die Arbeit eines Bildjournalisten, der das Skurrile sucht und manchmal auch findet.

 

Barbara Klemm – Künstlerporträts im Kunstverein Radolfzell

Während der jahrzehntelangen Mitarbeit bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schuf Barbara Klemm Bildikonen der Fotografie. Barbara Klemm bringe, so das Museum Frieder Burda, in ihren Arbeiten journalistisches Ethos, persönliche Sicht, Information und Emotion in Einklang. Mit ihren durchweg in Schwarz-Weiss fotografierten Bildern gilt Barbara Klemm als ´ Poetin der Fotografie ´. Weit mehr als nur das Abbild der Person entdecken wir in ihrer Königsdisziplin, dem Porträt.
Barbara Klemm, Max-Beckmann Preisträgerin 2010, ist Honorarprofessorin an der FH Darmstadt und Mitglied der Akademie der Künste Berlin.

Zum Wikipedia-Artikel der Künstlerin >>

 

 

Laudatio Barbara Klemm  -  Frank Röth

 

Sehr verehrte, liebe Frau Klemm,
lieber Herr Röth,
liebe Mitglieder und Freundinnen / Freunde des Kunstvereins

Es ging vor wenigen Jahren um eine Eröffnung einer Ausstellung von Frau Klemm in Dresden. Der Redakteur, Heinrich Wefing, damals noch FAZ, mit dem sie durch den Westen der USA gereist war, sollte die Ausstellung eröffnen und rief in seiner Not vertrauensvoll bei Frau Klemm an: Was soll ich denn sagen? „Heinrich, sag was Du willst, aber sag es kurz!“ war die Antwort. Also geben sie mir 15 Minuten – höchstens!

Daher möchte ich hier gleich sagen, worüber ich nicht sprechen möchte, zum Beispiel nicht darüber, ob Fotografie nun eine Kunst sei. Sie ist es.  Und ich will auch nicht sagen, dass die Verleihung des Max Beckmann Preises der Stadt Frankfurt, zum ersten Mal an eine Fotografin, an Frau Klemm,  ein Beweis dafür sei. Es war eine richtige und fällige Entscheidung der Jury. Es ist heute banal, Malerei und Fotografie sind einfach nicht zu trennen  - und sie waren es auch nicht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eben so lange es die Fotografie gibt. Die Überschneidungen sind endlos und die neuen Unübersichtlichkeiten des digitalen Zeitalters tun ihren Teil noch dazu.

Mit Barbara Klemm  und Frank Röth haben wir mit den digitalen Welten nichts zu tun, heute sind wir wunderbar konservativ, nicht einmal bunt sind die hier gezeigten Fotografien. Einfach schwarz – weiß und aufgenommen auf richtigem Film. Warum eigentlich, wenn Frank Röth in seiner professionellen Welt als Fotoreporter der FAZ tagtäglich mit digitalen Fotos und auch noch in Farbe zu tun hat. Er schließt sich gewiss den Worten seiner Kollegin an, die ich in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung gefunden hatte:
„Farbe ist nicht so kraftvoll im Ausdruck,“ sagte sie da.  Recht haben sie, die Fotografen Röth und Klemm. Ihre  Bilder, hier die von Röth, in der oberen Etage  die von Barbara Klemm, werden Sie von der besonderen Ausdruckskraft des Schwarz-Weißen überzeugen. Es ist bestes Handwerk, dass sie beide meisterlich auszuüben verstehen. Eine große Leidenschaft gehört zu diesem Handwerk, wenn es künstlerische Qualität erreichen soll.

Für Frank Röth ist es übrigens die erste Ausstellung in einem Kunstverein und bestimmt nicht die letzte. Er wurde noch, das muss man betonen, mit Film und Dunkelkammer sozialisiert, was heute in seinem journalistischen Metier unmöglich wäre. Mit ein paar Zusatzprogrammen der Digi-Kamera und der digitalen Nachbearbeitung am Computer kommen viele von uns zu ganz beachtlichen Bildern. Doch die Fotos, die Frank Röth bewegten, das waren die „großen“ journalistischen Bilder seiner Jugend, eben schwarz-weiß Aufnahmen. Im Labor oder Dunkelkammer – das ist für beide wichtig -  entsteht jedes Mal ein Original, das einzigartig ist, im Gegensatz zum Bild vom Chip. Er drückt sein Verhältnis zu Schwarz-Weiß ein wenig anders aus als Frau Klemm: „Meist lenkt die Farbe vom Inhalt ab“, lautet seine Feststellung.

Diese sentimentale Freude am Handwerklichen verbindet diese beiden Dokumentaristen und Künstler. Da ist schon ein gewisser Zauber in der Dunkelkammer, ich zitiere Frau Klemm: Für mich ist dieser Entwicklungs- und Vergrößerungsprozess, wie ich die Tonwerte anlegen kann, der zweite Schritt zu einem guten Bild. Die Neugier, die ich habe, wenn ich von der Reise zurück komme und in die Dunkelkammer gehe, um zu sehen, wie die Bilder geworden sind, die ist den Kollegen heute genommen, sie können ihre Bilder ja immer sofort sehen. Das Geheimnisvolle geht dabei verloren, Ich glaube, dass das zu einer Unkonzentriertheit führt und man vielleicht den wichtigen Moment verpassen könnte.“
Barbara Klemm hat gefühlte 1000 Vernissagen mit Reden und Einführungstexten über sich ergehen lassen müssen, darunter findet man Sätze, die wie gemeißelt stehen, gleichsam Klemm-Mythen. Das DHM in Berlin schrieb anlässlich einer Ausstellung ihrer Bilder kurz und knapp:
„Die Liebe zur Fotografie vermittelte ihr der Vater, der eine Dunkelkammer besaß.“
Ich kann mir vorstellen, dass ihr Vater Fritz Klemm auch ein Auto besaß und seine Tochter ist nicht Rennfahrerin geworden. Also die ganz schlichten Zuschreibungen sind doch etwas zu einfach, das Elternhaus, darauf komme ich noch zurück, hat sicherlich noch einiges mehr vermittelt.
Das Wort Dokumentarist ist eben ganz absichtlich gefallen. Von Frau Klemm, deren Lebenslauf und deren Karriere bei der FAZ  hier nicht weiter herunter gespult werden soll, ich verweise auf 163000 wiki-Einträge und ich erinnere mich an „mach’s kurz, Heinrich“ vom Anfang, - also Frau Klemm hat sich selbst immer als Dokumentaristin gesehen, etwa  eine Millionen Negative sollen wohl geordnet im Archiv der FAZ lagern. Und nicht anders wird es bei Frank Röth sein, der seit 1995 als Fotoreporter bei eben dieser Zeitung fest angestellt ist, das „fest“ muss man bei diesem Beruf  betonen. Bestimmt hat er dort im Archiv auch schon eine Hinterlassenschaft, von - nein, keine Negative - von Dateien, die sich auf zig Gigabytes summieren. Das Wort vom Dokumentaristen trifft genauso auf Frank Röth zu. Neben der professionellen Digitalkamera nimmt er immer wieder seine Leica mit. Eine Portion Besessenheit und Hingabe gehört schon dazu, um dann zu solchen Bildern zu gelangen, wie sie hier zu sehen sind.

Und die Kunst? Die Kunst, die stellt sich gewissermaßen ein. Zitat Klemm:  „ Wenn bei einem Bild noch dazu eine Komposition besonders glückt, dann kann man vielleicht von Kunst reden. Mir waren meine Arbeiten nie als Kunst wichtig; ich wollte gute Bilder für die Zeitung machen. Was ich sehe und was mich interessiert, will ich so gut wie möglich festhalten und an die Leute weitergeben, die es auch interessieren könnte.“

Es geht um Einzelbilder, nicht um Serien, die den einen Moment festhalten, die eine Geschichte erzählen können. Frank Röth sagt es wiederum ein wenig anders. Er liebt skurrile Momente, und manchmal gelingt es ihm, sie festzuhalten. In solchen Momenten steckt dann ein verborgener, dezenter Witz, den die Betrachter entdecken mögen - das Bild hinter dem Bild. Wenn ich versuchen wollte, die beiden Ausstellenden auseinander zu dividieren, dann geht das nicht über diesen Blick für bestimmte Momente, über den verfügen sie offenbar beide.  Das heißt im Umkehrschluss, dass, wenn man über die Gnade dieses Blicks verfügt, man auch viele Bilder nicht aufnimmt!

Die Differenz mag im Kompositorischen liegen, im Bildaufbau, der spielt bei der Bildauswahl für Frau Klemm eine große Rolle. Hier darf man jetzt wieder den Vater mit der Dunkelkammer ins Spiel bringen – mit aller Vorsicht -, denn der war Maler und Kunstprofessor in Karlsruhe. Und wenn ich diese Aussage so stehen ließe, würde ich hinterher sanft gerügt. Das erspare ich mir durch den Hinweis auf die Mutter, nämlich die war ebenfalls  Malerin; ihre Erwähnung gehört unbedingt hierher.  Da mag dann doch eine tiefe Ahnung von Bildkomposition unvermeidlich im Elternhaus gewonnen geworden sein. Also wenn man so differenzieren will, dann mag man Bildkomposition (Klemm)  gegen den Blick für ganz spezielle Situationen mit eigenem Witz (Röth) setzen.

Aber eine solche Differenzierung, die man aufgrund von Äußerungen der beiden vornehmen könnte, klärt letztendlich wenig, sie bleibt ein akademischer Klimmzug. Eine solche Differenzierung hat vor der Realität der Bilder hier keinen Bestand. Es gibt viele Fotos von Frau Klemm, die ganz der Situation geschuldet sind, und entsprechend auch zahlreiche Bildkompositionen bei Röth. Solche Differenzierungen taugen für die Interpretation Einzelfall, insgesamt sie führen nicht weiter, eher drängt sich hier das Gemeinsame auf.
Die „Kunst mit dem Klick“ (Spiegel) lässt sich nicht so einfach in Denk-Schablonen pressen. Das Gemeinsame der beiden Künstler und Dokumentaristen scheint hier viel mehr hervor. Hohe handwerkliche Kunst ist – wie erwähnt -  eine Voraussetzung, dazu kommt der „absolute Blick“, wie nicht nur eine Kunsthistorikerin es gesagt und geschrieben hat - also inzwischen ein weiterer „Klemm-Mythos“ . Ferner gehört natürlich auch die Erfassung eines bestimmten Momentes dazu, intuitives reagieren, schließlich auch die Selektion der Bilder. Selbst wenn in Karlsruhe in der Städtischen Galerie im letzten Sommer 300 Bilder von Barbara Klemm aus 40 Schaffensjahren ausgestellt wurden, war es doch eine präzise Bild-Auswahl. Davon ist in den zahllosen Besprechungen ihrer Arbeiten kaum die Rede. Doch wer die beiden hier beim Hängen der Bilder erleben durfte, konnte sehen, dass um die richtige Platzierung eines jeden Bildes – durchaus gekonnt – gerungen wurde. Jedes dieser Bilder war ihnen wichtig, nicht zuletzt auch sein Platz an der Wand. Es ist nun einmal viel mehr als in unseren alten Familienalben vor dem digitalen Zeitalter, als Momente zum Erinnern der Vergänglichkeit, die damaligen schwarz-weiß Schnappschüsse, in Form von Abzügen mit Zierrand ins Album geklebt wurden.

Und wie viele Nuancierungen gibt es zwischen Schwarz und Weiß, es leben die Grautöne! Wie hart oder weich wird abgezogen, welches Papier soll genommen werden? Es gilt also einen beachtlichen Gestaltungsspielraum auszunützen und bewusst gestaltend einzugreifen. Und für die Fotofreunde unter uns, die Kamera bei beiden ist eine Leica M 6.
Über diese Einführung habe ich anfangs das alte Telefon-Häuschen Diktum Fasse Dich kurz gestellt, vor allem Frau Klemm zu Liebe, die nun auch noch diese Eröffnung freundlich erträgt. Lassen Sie mich noch ein paar persönliche Worte sagen,  ein wenig programmatisch aus der Kunstvereinsperspektive.
Der Kunstverein hat die Fotografie-Klassiker Hugo Erfurth,  August Sander, die Bechers, die historische Dokumentationsfotografie aus der Sammlung Herzog, Basel, ausgestellt; dann Bilder von Bernd Lieven, belichtete Fotoleinwand, Öl oder Acryl übermalt; Timm Rautert, Leipzig ,war mit seiner Meisterklasse hier, darunter Margret Hoppe mit einigen Fotos, die heute international große Erfolge feiert. Im Dezember dieses Jahres wird der Maler Matthias Holländer hier bearbeiteten Digital-Bilder zeigen und zusammen mit einem ganz jungen Berliner Fotografen, Bernd Kirschner, ausstellen.  Da wird also wieder  so ein Gespann zusammen gefügt, ein Etablierter mit einem weniger Etablierten.

Und was geschieht heute in dieser angesprochenen Reihe hier? Ich finde etwas Wunderbares. So etwas wie heute hatten wir uns bei unseren konzeptionellen Überlegungen idealerweise gewünscht: Eine großartige Künstlerin hat die Freiheit, jemanden einzuladen, mit ihr gemeinsam auszustellen, wir bieten ganz bescheiden nur die Plattform dazu. Ich glaube, das war auch für Frau Klemm ein Reiz – wenn nicht der Reiz -, überhaupt in die südbadische Provinz zu kommen, die sie ohnehin gut kennt.

Dieser jemand, den sie ausgesucht hat,  ist Frank Röth. Er wurde in dem Jahr geboren, mit dem die große Karlsruher Retrospektive ihrer Werke einsetzt, 1968.  Und warum hat sie ihn ausgesucht? Wenn man sie selbst fragt, was sagt sie dann: Schauen Sie sich doch seine Bilder an! Und recht hat sie. Drei Ausstellungsforen, kleinere als hier, hatte Frank Röth bisher. Hier zeigt er 54 Fotografien, es ist seine bisher größte Ausstellung. Und er präsentiert sie in einer Qualität, die die Hochachtung seiner Kollegin errungen hat, die – ob sie wollte oder nicht – im Prozess der Rezeption ihrer Bilder eine ganze Reihe von Bildikonen gestiftet hat.

 Mit dieser Einladung zollt sie ihm ihre Anerkennung, das ist eine der schönsten Formen von künstlerischer Kollegialität und Solidarität. Wir freuen uns, dass wir zu dieser großartigen „Seilschaft“ im besten Sinne haben beitragen dürfen. Dafür müssen wir uns bei Ihnen, Frau Klemm, ganz herzlich bedanken. Uns ist es eine Genugtuung, dass wir ein wenig daran mitwirken können, damit Frank Röth in der Welt der Kunst auch angemessen wahrgenommen wird.

Rainer Wirtz