UNWIRKLICH WIRKLICH

Stefanie Krüger – Malerei. Horst Kistner – Fotografie.

Vernissage im Kunstverein Radolfzell, Villa Bosch, 9. März 2018


Malerei und Fotografie stehen seit jeher in einem spannungsreichen Wechselverhältnis, geprägt von Dialogen und Reibungen, von Verwandtschaften und Abgrenzungen. Mit der Erfindung der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts verlor die Malerei mit einem Schlag ihre jahrhundertelange Alleinstellung zum Abbilden der Wirklichkeit. Parallel zum Arbeiten mit Pinsel und Farbe auf Leinwand oder Papier gab es nun ein neues technisches Verfahren, das die sichtbare Realität exakt und präzise, jederzeit und überall für den Betrachter verlässlich festhalten konnte. Fortan existierten beide Bildmedien in einem von ambivalenten Höhepunkten und Umbrüchen geprägten Neben-, Gegen- und Miteinander. Mal versuchte die Malerei die Fotografie zu imitieren, mal versuchte die Fotografie malerische Effekte zu erzielen – die sog. Piktoralisten um 1900; die Impressionisten setzten der in ihren Augen allzu nüchternen, dokumentarischen Bildtechnik das Moment des Flüchtigen und Atmosphärischen entgegen, in den 1920er Jahren feierte die Fotografie der Neuen Sachlichkeit große Erfolge, in den 1950er Jahren war es die sog. „subjektive Fotografie“, die mit experimentellen Ausdrucksmitteln der modernen Fotokunst, parallel zur Avantgarde der informellen Malerei, ganz neue Wege eröffnete. Und heute? In der Kunst der Gegenwart behaupten sich beide Bildmedien ganz selbstverständlich als eigenständige Ausdrucksformen, und vor allem die Fotografie hat sich längst ihren festen Platz als bedeutende Kunstgattung erobert.


Mit den Künstlern Stefanie Krüger aus Stuttgart und Horst Kistner aus Karlsruhe stellt der Kunstverein Radolfzell zwei besondere Positionen zeitgenössischer Malerei und Fotografie vor. Beide Künstler kreisen in ihren Arbeiten um Darstellungs- und Wahrnehmungsweisen von Wirklichkeit im Spannungsfeld zwischen Beobachtung und Inszenierung, Erzählung und Verfremdung. Beide erkunden in ihren gegenständlich orientierten Bildschöpfungen die Möglichkeiten und Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Wirklichkeit und Illusion, Traum und Phantasie. Und so ist auch der Ausstellungstitel „Unwirklich wirklich“ zu verstehen: er verweist auf den spezifischen Umgang der Künstler mit der Wiedergabe von Wirklichkeit. Uns begegnen Bildwelten, in denen das scheinbar Vertraute und Alltägliche unvermittelt ins eigentümlich Irreale und Befremdliche, auch ins Surreale und Absurde umschlägt. Krüger und Kistner treiben ein hintersinniges, bisweilen irritierendes Spiel mit der sichtbaren Realität und lassen uns eintauchen in unwirkliche Wirklichkeiten.


Stefanie Krüger, geboren 1970 in Stuttgart, absolvierte ihre künstlerische Ausbildung von 1991-99 an der Stuttgarter Kunstakademie. Von 2005 bis 2011 übernahm sie einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Seit 1992 machen zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland und der Schweiz erfolgreich auf ihr Schaffen aufmerksam. Heute gehört Stefanie Krüger zu den arrivierten Vertreterinnen gegenständlicher Malerei in der Gegenwartskunst im deutschen Südwesten.


Krügers Gemälde zeigen meist menschenleere Park- und Wasserlandschaften, einsame Architekturkulissen oder Schwimmbäder, verlassene Pools oder stille Seeufer. Diese Szenerien führt sie uns bevorzugt im diffusen Licht der Dämmerung oder der Nacht vor Augen. Spannungsvolle Kontraste ergeben sich durch das Aufscheinen künstlicher Lichtquellen. Auf den ersten Blick sind es eher banale, unspektakuläre Situationen und wie beiläufig erfasste Beobachtungen. Doch in der gezielten atmosphärischen Verdichtung der speziellen Tageszeit und Lichtverhältnisse, wesentlich verstärkt durch die Abwesenheit des Menschen und das Fehlen natürlichen Lichts, entwickelt das Dargestellte ein überraschendes Eigenleben, wandelt sich das vermeintlich Harmlose und Idyllische der Orte ins Geheimnisvolle, Traumartige und Irrationale.


Krüger setzt ihre Motive mit einer äußerst präzisen und akkuraten Maltechnik detailreich und realistisch in Szene. Geradezu kühl und distanziert scheint ihre Sicht auf die Dinge. Die Sujets, erfüllt von absoluter Stille und Ruhe, wirken sorgsam durchkomponiert, streng und klar konzipiert. Grundlage ihrer Bildfindungen sind Fotografien, mit denen sie ihre Eindrücke spontan festhält. „Der Auslöser ist meist eine Situation, die mich berührt oder aber befremdet“, erklärt die Künstlerin ihre Vorgehensweise: „Dann entstehen erste Skizzen, Versatzstücke aus Fotografien fließen mit ein, werden verändert, neu kombiniert.“ Es ist ein zeitaufwendiger Prozess, in dem die Gemälde auf Leinwand über mehrere Farbschichten aufgebaut werden.


Eine besondere Affinität pflegt Krüger zum Thema Wasser und dem Spiel mit Spiegelungen und Lichtreflexen auf Wasseroberflächen. „Die Wasserfläche ist für mich so etwas wie eine abstrahierende Fläche, sie spiegelt die Umgebung, durch die Bewegung entsteht aber auch etwas ganz anderes. Das Abbild wird verzerrt. Neben diesem formalen Aspekt fasziniert mich am Wasser sicherlich auch das Andere, das Fremdartige, das irgendwie Beunruhigende“, schildert Krüger das zentrale Sujet ihrer Malerei.


Mit ihren Arbeiten bewegt sich Stefanie Krüger an der Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion. Vermitteln uns ihre Bilder wirklich ein getreues Abbild des Gesehenen? Oder treibt sie nicht vielmehr ein raffiniertes Spiel mit Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsmustern? In jedem Fall irritiert sie unseren Blick auf die sichtbare Wirklichkeit, indem sie durch „minimale Verschiebungen“, wie Krüger es nennt, Momente des Unwirklichen, Rätselhaften und fast Übernatürlichen entstehen lässt.


In nächtlichen Panoramen wie etwa dem großen Gemälde „Feuersee“ wandelt sich der am Tag so beschauliche städtische Naherholungsraum der Stuttgarter Parklandschaft unversehens ins Unheimliche und Surreale. Auch in Schilderungen von Swimmingpools, die in der Dämmerung wie fluoreszierend aufleuchten, verdichtet Krüger das Bildgeschehen auf den einen entscheidenden Augenblick, in dem unsere Vorstellung einer vertrauten Realität ins Gegenteilige umkippt. Auch der Komposition „Festzelt“ wohnt eine eigene Magie inne: das hermetisch geschlossene und verlassene Gebilde wirkt wie ein deplatzierter Fremdkörper inmitten der romantischen Natur.


So sind ihre Arbeiten immer mehr als das reine Abbild der äußeren Wirklichkeit. Sie übersteigern das Gesehene und transformieren die Sicht auf die Außenwelt in eigentümlich fremdartige, wie künstlich wirkende Kulissen. Die Bildwelten scheinen Zeit und Raum entrückt zu sein, das Wirkliche verwandelt sich ins Unwirkliche: „Dieser Bruch interessiert mich“, sagt die Künstlerin, „wenn ganz alltägliche Orte plötzlich fremd und unwirklich werden, wenn das Idyllische jederzeit in den Albtraum abgleiten kann, beispielsweise durch besondere Lichtstimmungen, leere Flächen oder ungewöhnliche Perspektiven.“


Und so filtert Krüger aus der Beobachtung des Sichtbaren ein Konzentrat heraus, das die Grenzen zwischen Realität und Imagination verwischt. Aus ihren wie magisch wirkenden Nachtstücken, die sich auch als Seelenlandschaften bezeichnen ließen, spricht die besondere Aura des Nicht-Sichtbaren, des Unwägbaren, Uneindeutigen, Nicht-Konkret-Fassbaren, auch des Brüchigen im Abbild von Wirklichkeit, in dem stets etwas Unheilvolles und Beklemmendes mitschwingt.


Konzentriert sich Stefanie Krüger bevorzugt auf menschenleere Außenräume in Natur, Landschaft und Architektur, so fokussiert Horst Kistner sein Kameraauge auf Menschen und Begebenheiten in Innenräumen. Geboren 1969 in Würzburg, absolvierte Kistner von 1986-88 seine Ausbildung zum Fotografen am Lette-Verein in Berlin, bevor er dann bis 2013 im Bereich der professionellen Foodfotografie in Karlsruhe tätig war. Während dieser Zeit drängte es ihn immer stärker zur freien, künstlerischen Fotografie und so wandte er sich ab 2013/14 ganz diesem Medium zu. Erfolgreiche Ausstellungsbeteiligungen und Einzelausstellungen machen seit 2015 in Galerien und Kunstvereinen auf sein fotokünstlerisches Schaffen aufmerksam.


Horst Kistner setzt seine Motive wie ein Film- oder Theaterregisseur in Szene: Mit enormem Aufwand an Ausstattung und Gestaltung schildern seine präzise erdachten und sorgfältig durchkomponierten Fotografien erzählerisch motivierte Szenenbilder des scheinbar Alltäglichen, die zugleich Momente des Absurden und Surrealen in sich tragen. Kistners bis ins kleinste Detail akribisch arrangierte und virtuos inszenierte Interieuraufnahmen zeigen uns weibliche Modelle im häuslichen Ambiente von Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, beim Backen, Bügeln oder Blumengießen. Doch die auf den ersten Blick so geläufig wirkende Realität des Dargestellten gleitet durch ironische Brechungen, humorvolle Interventionen und skurrile Wendungen im nächsten Moment ins seltsam Irreale und Phantastische.


Wie auf einer Bühne entwirft Kistner mit spielerischer Fabulierlust einen kabinettartigen Kosmos abenteuerlicher, ebenso träumerisch- verstörender wie poetisch-sinnlicher Bildwelten, die ihrerseits durch bedeutungsvolle, oftmals sarkastische Bildtitel eine unerwartete Inhaltlichkeit gewinnen: In der Arbeit „The Game“ – die Sie von der Einladungskarte kennen – begegnet uns eine aparte Hausfrau im stilechten Ambiente einer 50er Jahre-Küche, die mit dem Fleischwolf Hackfleisch zu Klößen verarbeitet hat. Durch das kuriose Element eines Tennisschlägers, dessen Bespannung ein Schattengitter auf das Gesicht der Frau wirft, kippt die Szenerie zu einem Ort sehnsuchtsvoller Gedankenspiele: das „eingesperrte Heimchen am Herd“ wäre lieber eine „femme fatale“, die aktiv am Spiel des Lebens teilnimmt. Die Fleischklopse mutieren dabei zu Tennisbällen.
Ähnliches gilt für die intim beobachtete Szene „Criminal intent“, in der eine schöne junge, eher brav und sittsam wirkende Frau mit einer Brotmaschine hingebungsvoll einen Kohlkopf in Scheiben schneidet – und uns beschleicht das Gefühl: es könnte sich auch um den Kopf eines untreuen Liebhabers handeln und die heimelige Küche ist der Tatort eines gewaltsamen Racheaktes. Wir spüren: Hinter der perfekten, verführerischen Hochglanz-Ästhetik der exakt geplanten Aufnahmen lauert stets eine zweite Bedeutungsebene, die zusammen mit den Bildtiteln abgründige   Assoziationen und überraschende Lesarten des Dargestellten erlaubt.


Wesentliche Inspiration und wichtige Impulse für seine opulenten Bilderzählungen empfängt Kistner aus der Beschäftigung mit Sujets aus der Film- und Kunstgeschichte. So weisen seine szenisch angelegten Fotos vielfältige Bezüge zum Hollywood-Film der 40er bis 60er Jahre auf, enthalten Anspielungen auf Alfred Hitchcock, auf den „Film Noir“ oder auf  David Lynch. Und nicht von ungefähr gehört „Die wunderbare Welt der Amelie“ zu den Lieblingsfilmen des Fotografen; vorbildhaft wirken ebenso Maler wie Edvard Hopper oder Fotografen wie Helmut Newton, und insbesondere Kistners effektvoller Einsatz von Licht und Schatten erinnert an Gemälde von Vermeer, Rembrandt oder Caravaggio. Gelegentlich nimmt er auch ganz konkrete inhaltliche Bezüge auf bestimmte Filme wie beispielsweise in den Werken „Stepford Wife“ (ein Psycho-Thriller von 1975) oder „Miss Lonelyhearts“ (eine Figur aus Hitchcocks Klassiker „Das Fenster zum Hof“).


Unterschwellig schwingt in Kistners Arbeiten immer etwas Befremdliches und gar Unheimliches, nicht selten auch Beklemmendes und Bizarres mit. Wie heimliche Voyeure vermögen wir in die Szenen einzutauchen und mit einem Mal wird das Gezeigte lebendig. Der  Betrachter fragt sich unwillkürlich: Was ist gerade geschehen und was wird im nächsten Augenblick passieren? In diesem faszinierenden Dazwischen scheint die Zeit angehalten und die Situationen wie in einem Filmstill eingefroren. Und gerade damit eröffnen sich dem Betrachter überraschende Zugänge auf das Dargestellte, das mal eine melancholische Stimmung, mal eine hintergründige Komik, mal eine knisternde Erotik ausstrahlen kann.
„Ich liebe die Inszenierung“, erklärt Kistner zu seinen Arbeiten. „Durch die Lichtsetzung bekommen meine Bilder Poesie. Meine persönliche Handschrift ist das Arbeiten mit Kontrasten und Gegensätzen auf unterschiedlichen Ebenen: hell-dunkel, eingefrorene Szenerien, die doch lebendig werden, und der Kontrast zwischen alltäglich-bürgerlich und surreal .“


Fragen wir nach entscheidenden Schnittstellen in der Malerei und Fotografie von Krüger und Kistner, so ist es sicherlich das Licht, das für beide Akteure eine zentrale Rolle spielt. Bei Krüger ist es die Konzentration auf diffuse Dämmerzustände am Abend oder in der Nacht, die Vorliebe für Lichtbrechungen und Spiegelungen auf bewegten Oberflächen sowie die Betonung künstlicher Lichtquellen, die den Gemälden ihre irrealen Atmosphären und träumerischen Zauber verleiht. Bei Kistner ist es die ausgeklügelte Lichtregie und der suggestive Einsatz von Hell-Dunkel-Effekten sowie die starken farblichen Reizen, die seinen cineastischen Fotografien die Anmutung von Gemälden verleiht. Und so durchdringen und verschränken sich Malerei und Fotografie in dieser Ausstellung wechselseitig: Krügers Gemälde wirken fotorealistisch erfasst, Kistners Aufnahmen gewinnen malerischen Ausdruck.


Beide Künstler beschwören in ihren Arbeiten mehrdeutige Bildwelten jenseits unserer Alltagswahrnehmung. Mit dem Malerauge und dem Kameraauge loten sie die Untiefen im Abbild der Wirklichkeit zwischen Sein und Schein aus. Dabei entwickeln Krüger und Kistner eine jeweils ganz eigene, unverwechselbare Bildsprache, die uns als Betrachter mit allen Sinnen unwiderstehlich in die gemalten und fotografierten Bildergeschichten hineinzieht. So animiert die Ausstellung auch zum Nachdenken über den Umgang mit Realität und Fiktion im Medium von Fotografie und Malerei. Hinterfragt wird nicht zuletzt unsere Erwartungshaltung sowohl an die bildnerischen Verfahren wie auch an die abgebildeten Orte, Personen und Szenen. Folgen wir – liebe Kunstfreunde – den Künstlern in diese faszinierenden Zwischenräume zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit.

 

© Dr. Andreas Gabelmann