Evelina Velkaite – Malerei / Johannes Kersting – Fotografie

EXPRESSION UND KONSTRUKTION


Kunstverein Radolfzell e. V. in der Villa Bosch am 6.5.2016

Rede von Dr. Günter Baumann


Sehr geehrte Freunde der Kunst, liebe Evelina Velkaite, lieber Johannes Kersting, ich freue mich, einmal wieder in diesen wunderbaren Räumlichkeiten eine Einführung halten zu dürfen, freue mich darüber, zwei hochinteressante Positionen zwischen Fotografie und Malerei, zwischen – so lautet der Titel – Expression und Konstruktion kennengelernt zu haben. Daher bin ich den Machern im Kunstverein Radolfzell zu Dank verpflichtet für die Einladung, an dieser schönen Ausstellung mitzuwirken – selbst ehrenamtlicher 2. Vorsitzender, Ausstellungsmacher und Presseleiter eines Kunstvereins, weiß ich, wieviel Arbeit in der Durchführung einer Ausstellung dieser Größenordnung steckt, wobei ich doch recht neidisch auf die Räume der Villa Bosch blicke, die wiederum für die Künstler klasse sind: Es muss ein Vergnügen sein, hier Arbeiten zeigen zu können. Versorgt mit Bildmaterial vom Aufbau und mit Informationen darüber hinaus, war mir schon klar, was mich erwartet: Umso mehr habe ich den Vorab-Spaziergang durch die Ausstellung genossen.


Der Titel der Ausstellung ist doppelt zu verstehen: Expression und Konstruktion kann mit einem verbindenden ›und‹ gelesen werden, einem Sowohl-als-auch, oder mit einem trennenden ›und‹, einem Entweder-Oder. Wenn man die Arbeiten von Evelina Velkaite und Johannes Kersting anschaut, ist man versucht, die Künstlerin dem expressiven Flügel zuzuschlagen, der emotionale Zugänge ermöglicht, während der Fotograf sichtlich um die Form, den Aufbau des Bilds bemüht ist, also rationalen Überlegungen folgt. So weit, so gut. Es wäre nun ein einfacher Weg, beide Werkgruppen gesondert zu beschreiben: die Leidenschaft für das landschaftliche Element mit andeutungsweise integrierten, urbanen Strukturen bei Evelina Velkaite vor dem geistigen Auge nachvollziehbar zu machen; auf der anderen Seite die Lust an den Überschneidungen von Farben und Formen zu reflektieren, mit denen Johannes Kersting tatsächlich komponiert. Doch sind die Gemälde nicht weniger gestaltet und die Fotografien nicht weniger mit irritierenden Momenten aufgeladen, dass man alles auch anders sehen kann.


Bei beiden Künstlern geht es um die Frage nach dem Abbild und die nach der Erfindung, jeweils unter verschiedenen Vorgaben. Ein Blick auf die Biografien ist hier vielleicht hilfreich. Evelina Velkaite studierte Kommunikationsdesign, danach Malerei, Grafik und Fotografie sowie Medien an der Kunstakademie Essen. Der Umgang mit medialen und fotografischen Techniken wird ihr nicht schwerfallen, und in der Tat sucht sie sich ihre Motive häufig mit dem Fotoapparat in der Hand und vor dem Auge. Das einfühlsam malerische Ergebnis ist die Umsetzung realer Gegebenheiten. Umgekehrt ist es bei Johannes Kersting so: Er studierte Malerei bei Hans-Peter Reuter in Nürnberg – Sie kennen den Professor vermutlich: bekannt für gekachelte Räume, die akkurate Perspektiv-Illusionen erzeugen. Danach wechselte Kersting nach Karlsruhe, wo er bei dem Oskar-Schlemmer-Preisträger von 2016, Elger Esser, ein Studium der Fotografie anfügte. Es verwundert nicht, dass er sich dem realen Motiv mit dem Rüstzeug eines Malers nähert. Obendrein entpuppt er sich auch als Objektkünstler, der mit malerischem Elan Fotografien in die dritte Dimension überführt.
Sie sehen, liebe Damen und Herren, es wird schon komplexer – wie das Leben so spielt, so auch die Kunst. Sie spielt mit unseren Sehgewohnheiten und -erwartungen. Ich will im folgenden das Wortpaar Expression und Konstruktion nicht als Gegensatz behandeln. Das würde ich auch bei den einst widersprüchlichen Begriffen abstrakt und gegenständlich so halten. Allenthalben sehen wir die Kunst sich nach dem einen wie dem anderen Lorbeer greifen: mal ist er ein Formenspiel, ein Ornament, mal ein sich rankendes Blätterwerk – um im Bild zu bleiben. Was das Werk von Evelina Velkaite und Johannes Kersting verbindet, ist, dass zumindest eine Tendenz sich abzeichnet: So abstrakt sich das eine oder andere Bild sich gibt, alle sind gegenständlich zu denken. Bei der Expression und der Konstruktion überlagern sich die Felder zwar bei beider Arbeiten, doch sind die Verhältnisse gänzlich verschieden.


Ich beginne bei der 1982 in Litauen geborenen Künstlerin Evelina Velkaite. Die Expressivität in der Oberflächenbehandlung liegt auf der Hand. Das Non-finito mancher Passagen ist energiegeladen, die Farben changieren zwischen Silhouette und Farbform. Die Himmel leuchten in orange-braunen oder irritierenden Grüntönen, auch mal in verblassendem Weiß. Der prozessuale Ansatz, den die Malerin pflegt, lässt sich unmittelbar in der Ausstellung nachvollziehen – das Bild auf der Einladungskarte, welches eine skizzenhafte Häuserzeile unter dem unheilvollen Himmel beschreibt, die am Stromleitungsnetz zu hängen scheint, unterscheidet sich vom weitergemalten Werk in dieser Ausstellung: die Komposition ist prononcierter, die Silhouetten sind differenzierter – und doch hält Evelina Velkaite die Spannung des Spontanen, noch Unfertigen aufrecht. Hier ist eine Malerin am Werk, die den gestischen Ausdruck zu inszenieren vermag wie wenige sonst. Mit einem großen Atem setzt sie Flächen regelrecht in Kraft – ich denke an den erwähnten Himmel –, sie deutet mit flüchtigen Strichen gleichsam unscheinbare wie markante Zeichen an – hier im erwähnten Bildbeispiel die Leitungs- und Lampenmasten und Stromleitungen –, darüber hinaus lässt sie wie beiläufig mit den Hausumrissen ihr Thema einer Stadtlandschaft auf der Leinwand entstehen. Ja, das ist hochgradig expressiv, wenn auch ohne jeglichen Farbextremismus. Auch der Auftrag selbst: Öl, Lack, zuweilen auch Markerstift und Sprühfarbe, auch eincollagierte Papiere beleben das Bild, reizen den Betrachter, locken ihn in eine Wahrnehmungsfalle, das heißt: Evelina Velkaites Arbeiten wirken auf den ersten Blick plakativ, sie verbreiten ein sinnliches Wohlgefallen – wenn denn der Himmel nicht wäre. »Sweet home« nennt sie eine Reihe kleiner Formate unter den meist titellosen Bildern. Doch rasch merken wir, dass etwas nicht stimmt mit dieser süßen Heimat. Menschenleer sind die Städte und Landschaften, leuchtende, vielleicht strahlende, aber keine blühende Landschaften; Baracken, Wohngaragen kommen in den Sinn, aber kaum eine heimelige Idylle. Auf jeden Fall aber bin ich fasziniert von der reduzierten Form, die alles ins Unwirkliche hinabtauchen lässt. Selbst die Perspektive wird zur Gefühlssache, die uns doch realer vorkommt als jede mathematisch errechnete Raumlogik.

Expressiv mag man die Bilder nennen. Dagegen spricht aber das Kalkül der Komposition, das sich unter deren Dramaturgie mischt. Die zwischendrin erkennbaren, akkuraten Bleistiftspuren verraten das Konstrukt unter der Farbe. So grell die Farbigkeit auch sein mag, sie ist mal vermischt, mal verdünnt, manchmal fast pastellhaft zart. Evelina Velkaites Bilder sind poetisch, erzählen aber keine Geschichte, obwohl oft eine Fotografie der Auslöser dafür war: Fotos übrigens von dokumentarischem Wert, die ursprünglich Industrieruinen zeigen, auch kriegszerstörte Architektur. wiederkehrende Motive verraten das reproduzierbare Abbild, welches man in der Ausstellung allenfalls erahnen kann. Das Ergebnis ist zurückgenommen, bis hin zu geometrischen Körpern reduziert. Abstrakte Elemente schleichen sich ein, ebenso konstruktive Momente, die deutlich machen, dass die Künstlerin alles im Griff hat, wohl durchdenkt, was sie zu offenbaren bereit oder besser: nicht bereit ist. Hier geht es um die Nicht-Hinterfragbarkeit, die übermächtige Rätselhaftigkeit der Dingwelt. Getragen vom Pathos der Erscheinung verselbständigen sich die Dinge – die Nuancen zwischen Horizontlinie und freier Linie, zwischen Himmel und rauschendem Grün sind graduell: Wo hört die Landschaft auf, wo beginnt die pure Imagination? Meisterhaft konstruiert die Malerin mit treffsicherem Gespür fiktive Welten, eine traumwandlerische Wirklichkeit, eine Spurensuche. In einem Diptychon sind die Häuser zu nebeneinander gefügten, dünnwandigen Quadern geworden, deren Farbgebung sich auf der einen Seite behutsam, fast schüchtern Raum schafft, während sie sich auf der anderen Seite vergebens gegen einen Leerraum aufwirft. Und im Vordergrund bindet ein bildübergreifendes rotes Gatter – oder ist es eine Baustellenmarkierung? – beide Bildhälften aneinander, die sonst unvereinbar getrennt wären. Wer sich auf die Malerei Evelina Velkaites einlässt, erlebt eine Welt im Umbruch, die einerseits in Auflösung, andrerseits im Aufbau begriffen ist – ersteres mutet uns bei aller lyrischen Unwägbarkeit expressiv, zweiteres bei aller epischen Unbestimmtheit, Offenheit konstruktiv an. Wo sie eher dem einen, wo dem anderen nachgibt, muss der Betrachter mit sich selbst ausmachen.

Dagegen ist das Werk des 1979 in Nürnberg geborenen Fotografen Johannes Kersting von einer scharfkantigen Klarheit geprägt. Doch auch das ist in dieser Eindeutigkeit nicht haltbar. Anders wie bei Evelina Velkaite, die von der Expression zu einer konstruktiven Idee kommt, setzt Kersting bei einer konstruierten Welt an, um deren expressive Unregelmäßigkeiten und subjektiven Deutbarkeiten preiszugeben. Statt einer undifferenziert-schemenhaften Hausansicht bei Velkaite zeigt Kersting Architekturdetails, die man nicht auf den ersten Blick erkennt, weil die Farb- und Formgestaltung den Blick aufs Abstrakte lenkt. »Same same but different« betitelt er ein Diptychon, das zwei Ecksituationen eines Hochhauses vor Augen führt, spiegelbildlich angelegt. Formalästhetisch bildet das Ensemble eine Einheit, doch entpuppt sich das Doppelbild als Kehrseiten zweier divergenter Ansichten. Im Vordergrund steht noch nicht einmal die Architektur, die allemal hinter die Farbkomposition zurücktritt. Die Titel, die mal geografische Namen, mal urbane oder landschaftliche Situationen, mal konkret-sachliche Zuordnungen und mal freie Bezeichnungen zum Ausdruck bringen, diese Titel machen deutlich, dass Johannes Kersting weniger das Motiv sucht als die Gunst der Farb- und Formkonstellation. Ihn als Architektur- oder Landschaftsfotograf zu charakterisieren, ist noch weniger sinnvoll, als diese Festlegung bedingt für Evelina Velkaite zutrifft. Während sie die Fotografie als Erinnerungsbild einsetzt, das sie im Atelier malerisch bearbeitet und so das Motiv neu erfindet, ist die Fotografie freilich Kerstings Medium. Mit einem bewundernswerten Blick fürs Detail ist die Welt – nicht mehr und nicht weniger – sein Motiv. Ob Natur oder Baukunst – zielsicher nimmt er mit einer nahezu wissenschaftlichen Präzision Linienverläufe, Parallelstrukturen, Flächenverhältnisse wahr und bringt sie ins Bildformat, und auch das folgt dem schlussendlich vordergründig – oder soll ich eher sagen: hintergründig – abstrakten Thema. Runde Formen oder kopfstehende Quadrate werden vom Bildgegenstand bestimmt. Johannes Kersting schult unseren eigenen Blick. Reflexartig werden viele von uns unterstellen, dass der Fotograf kräftig am Bildschirm manipuliert – allzu konstruiert scheinen die Bilder zu sein. Zweifel stellen sich hier und da wohl ein, ob es sich überhaupt um Fotografie handelt – es könnten auch hyperrealistische Gemälde sein, deren Bildfindung so authentisch wäre wie die Arbeiten von Evelina. Aber der genaue Blick belehrt uns eines besseren. Fotografie vom Feinsten, und doch: hier und da kaum erkennbare malerische Eingriffe – die Seitenränder sind mit dem Pinsel ergänzt. Demgegenüber hat die augenscheinliche, frappante Textur der Oberfläche nichts mit einem gemalten Pinselduktus zu tun, sondern ist der Tiefenschärfe des Fotos geschuldet.


Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich habe mir ja vorgenommen, die Expression und Konstruktion gemeinsam zu betrachten. Aber Sie werden mit einigem Recht sagen: Hier konstruiert ein Ordnungsfanatiker fotografierte Details, die so komponiert sind, dass man sogar die Authentizität der Fotos in Frage stellen könnte. Und in der Tat: topografische Draufsichten auf Grün- und Asphaltflächen steigern sich zu kühnen Farbfeldern, die dann auch ganz neutral »Green and Grey« heißen. Oder »Current lines 1–3«, ein Geflecht von Stromkabeln vor vielfarbigem Hintergrund, das gänzlich den Boden realer Gegenständlichkeit verliert – als Triptychon mutet das Bild durchaus virtuell an… Darüber hinaus verlangt Kersting aber vom Betrachter, nicht nur dem Spiel geometrischer oder artifizieller Formen zu folgen. Zweifellos ist dies faszinierend genug, aber der Künstler will mehr. Nehmen wir das Bild »Tropicoco« – der Sache nach ein Detail mutmaßlich von einem Hotel auf Kuba. Das Licht fällt hart auf vier geometrisch angeordnete, reliefiert gerahmte Fenster, die verblendet oder von einer Klimaanlage verbaut sind, zumindest keine Sicht nach innen zulassen. Die Rahmungen dürften aus weißem Beton sein, den die Zeit etwas vergilbt hat. Die Wand drumherum ist in lichtem Blau gehalten, dem sich im oberen Bildstreifen ein dunkleres Himmelblau anschließt, das man sicher nur in diesen Breiten findet. Hinter dem Flachdach, vielleicht auf dem Dach selbst, ist die schmale Oberkante eines Bauelements zu sehen, das farblich die Fensterrahmung aufgreift. Die Szenerie ist rein formal ideal ausgewogen – plakativ, um eine vorschnelle Beschreibung der Bilder von Evelina Velkaite wieder aufzugreifen. Die Sensation der Fotografie ist aber der Einbruch in die Regelmäßigkeit: etwa im unteren linken Fenster der herausragende Kasten der Klimaanlage, der sich gegen die Geometrie der konstruierten Welt stellt, inklusive des Schattens. Bei aller Berechnung sind es diese realen Störungen, die dem Bild seinen eigentlichen Ausdruck verleihen, ein expressives Detail. Dazu kommt am oberen Dachrand, ausgerechnet vor dem cremefarbenen Bauaufsatz bzw. dem architektonischem Beiwerk in einem denkbaren Hintergrund, das Bild eines Vogels –ein noch flüchtigeres Zufallsmotiv als das unverrückbar aus der Norm fallende Fensterdetail. Möglicherweise ist aber gerade der Vogel das eigentliche Thema dieser Fotografie: Steht er nicht für die Freiheit? Vergessen wir nicht, es ist ein kubanisches Motiv im Jahr 2015. Diese lyrische Expression könnte auf die zarten Freiheitssignale verweisen, die auf der Karibikinsel zu registrieren sind – wiewohl die geschlossenen Fenster ihre eigene Symbolik haben, bis hin zum allzu schmalen Streifen eines Himmels.


Es sind derartige Realismen, die sich weit über die Konstruktion erheben und den Fotografien eine faszinierende Metaebene hinzufügen – bei den Gemälden von Evelina Velkaite erwähnte ich entsprechend dazu einen durch die Vorlage imaginierbaren Subtext. Hier wie dort dringen expressive Strukturen ins konstruierte oder erfundene Bild. Hier und da wird Raum zum Spielfeld in der Fläche. Bei Velkaite sind es die sichtbaren Informationsverluste, Verschleierungen, Formauflösungen. Bei Kersting sind es ganz im Gegenteil die Realismen, die eine expressive Natur zu haben scheinen: vertrocknetes Buschwerk und Steine vor einer lyrisch-abstrakten, gelben Mauer, oder eine stählerne Stahlstange, die quer in einer an sich sinnlosen Maueraussparung befestigt ist und deren Schatten das Motiv sur-real überhöht. Doch halt: »Spaziale«, so heißt diese eben erwähnnte Augentäuschung, ist keine Fotografie, sondern eine Grafik, eine am Computer erstellte Nach-Zeichnung, die an Trompe-l’oeils in der klassischen Kunst erinnern. Jene Sur-Realität ergreift bei Kersting sogar die dritte Dimension, wenn er seine fotografierte Welt installativ und dann auch tatsächlich mit malerischer Unterstützung in den Realraum hineinholt. Bei Evelina Velkaite führt die sorgsam gewählte Farbwelt eher an den Rand einer real nachempfindbaren Impression, die sich im Kopf des Betrachters festsetzt.


Liebe Freunde der Kunst, lassen Sie sich ein auf die irritierend schönen Grenzzonen zwischen expressiver Stimmung, ja einer expressiven Haltung, und der formvollendeten Nüchternheit einer kompositionellen Idee. Ich freue mich auf interessante Begegnungen und Gespräche und danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Günter Baumann, Mai 2016

 

 

 

© Dr. Günter Baumann, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!