PROZESSE FORMEN RAUM – Nadja Nafe und Esther Naused

 

Einführung von Dr. Andreas Gabelmann
Vernissage im Kunstverein Radolfzell, Villa Bosch, 9. Oktober 2015

 

„Prozesse Formen Raum“ – mit diesem vielschichtigen Dreiklang möchte ich Sie, liebe Kunstfreunde, auf die neue Herbstausstellung des Radolfzeller Kunstvereins einstimmen. Die drei Schlagwörter, die sowohl als eigenständige Kategorien wie auch als zusammengehörige Sinneinheit zu lesen sind, stehen gleichermaßen für das schöpferische Wirken und die gestalterischen Intentionen der beiden Künstlerinnen Nadja Nafe aus Düsseldorf und Esther Naused aus Hamburg.

Bei beiden Positionen spielt – so unterschiedlich sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen – der besondere Umgang mit Materialien und Techniken eine entscheidende Rolle. Im Falle von Nadja Nafe ist es der komplexe Arbeitsprozess im Medium Papier und Malerei, bei Esther Naused erleben wir den virtuosen Einsatz von Tusche und Acrylfarben.

Lassen Sie mich, liebes Kunstpublikum, mit den Arbeiten von Nadja Nafe beginnen, die im Erdgeschoss der Villa Bosch ihre außerordentliche Wirkung entfalten. Hier begegnen uns Gemälde sowie Collagen und eine Papierrollen-Installation. In allen drei Fällen entführt uns die Künstlerin in ungegenständliche Bildwelten, in denen expressiv geschichtete Formen, Farben und Strukturen einen überraschenden räumlichen Ausdruck gewinnen. Nafe kombiniert gemalte und gedruckte Elemente miteinander. Häufig kontrastieren strenge, geometrisch exakte Muster- und Rasterstrukturen mit dem freien, schwungvollen Gestus der Malerei. Als Vorlage für ihre flächigen Musterelemente nutzt Nafe selbst gestaltete Schablonen und Druckplatten. Deren klare und feste Ordnung lässt sie in einen lebhaften Dialog treten mit organisch bewegten Form- und Farbfragmenten. Überlagerungen und Durchdringungen der verschiedenen Bildebenen und Materialien prägen das gestalterische Prinzip.

Geboren ist die Künstlerin 1984 in Tönisvorst in NRW. Ihre Ausbildung durchläuft sie von 2004 bis 2011 an der Kunstakademie in Düsseldorf, wo sie bei den bedeutenden Professoren Katharina Grosse und Markus Lüpertz studiert. Seit 2008 machen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland auf ihr Schaffen aufmerksam. Ein Aufenthaltsstipendium führt Nafe 2014 nach Israel, wo sie sich intensiv mit der dortigen Kultur und Natur auseinandersetzt. Einige dieser Arbeiten sind auch Teil unserer Ausstellung.

Grundsätzlich bewegt sich Nafes künstlerischer Ansatz im Spannungsfeld zwischen Figuration und Abstraktion. Formal ist es stets sowohl intuitiv-expressiv als auch strukturell-konstruktiv zu erleben. Schemenhaft schälen sich aus ihren Malereien, ausgeführt mit Öl- und Lackfarben auf Nesselstoff, Andeutungen von Pflanzlichem, Naturhaftem und Figürlichem, die mit der strahlkräftigen Farbigkeit der unruhig zerfaserten Flächenzonen verschmelzen. Unterlegt ist diesem ausdrucksvollen Mit- und Gegeneinander von Form und Farbe häufig ein grafisches Ornamentsystem.

Das in den Gemälden wirkende Prinzip von Auflösung und Verdichtung bestimmt ebenso die Collagen, bei denen es sich um geschichtete Montagen unterschiedlicher Materialien auf Papier – teils in größeren Formaten – handelt. Transparentpapiere sowie Versatzstücke aus farbigen Druckgrafiken und Spuren von Malereien ergänzen sich zu einem räumlich anmutenden Gefüge. Mit experimentierfreudigem Gestaltungselan sind Aspekte von Materialität und innerer Struktur betont. Ausgelotet werden die Möglichkeiten von Transparenz und Tiefenwirkung. Durch die besondere Art ihrer Präsentation, so z. B. mittels selbst gestalteter Rahmen aus Kartonagen, gewinnen diese Arbeiten einen objekthaften Charakter. Mit assoziationsreichen Bildtiteln wie „Notizen zur Wirklichkeit“ oder „Der Sache einen Namen geben“ setzt Nafe ihre abstrakten Collagen in Bezug zur sichtbaren Realität.

Eine raumgreifende skulpturale Wirkung entfalten schließlich ihre Installationen mit herabhängenden Papierrollen, die wie durchsichtige Vorhänge von großen Stellagen, von der Wand oder von der Decke in den Umraum intervenieren. Auch hier begegnen uns collageartig geschichtete Applikationen und Montagen verschiedener Stofflichkeiten zwischen Farbe und Fläche, fester Form und diffuser Struktur. Wir erfahren vielschichtige Ein- und Durchblicke im Wechselspiel zwischen Licht und Schatten. Erzählerische Werktitel wie „Hin und Weg“ oder „Behind the curtains“ laden das Gezeigte mit sinnlicher Bedeutung auf. Die aufwendige Inszenierung der Papierarbeiten als auf- bzw. abgerollte Bildbahnen sollen, so die Künstlerin, das „Moment der Zeitlichkeit“ anzeigen und das Gefühl vermitteln, die Bilder seien (Zitat) „gerade erst flüchtig abgerollt und könnten potentiell immer weiter laufen“. Somit erscheint, wie Nafe es ausdrückt, „die Momenthaftigkeit des Dargestellten und das Prozesshafte“ als ein zentraler Aspekt von Aussage und Wahrnehmung ihrer Werke.

Esther Naused konzentriert sich in ihren Arbeiten ganz auf das Medium der Tuschemalerei. In ihren stets kleinformatigen Bildschöpfungen erkundet sie mit souveräner Handhabung der Technik die mannigfachen Möglichkeiten von Hell-Dunkel-Kontrasten, von Schattierungen, Überlagerungen, Durchdringungen und Verläufen. Dabei schlägt sie mal kraftvoll-expressive und dynamisch-vitale Töne an, dann agiert sie wieder klar, streng und konstruktiv und übt sich in fast asketischer Zurückhaltung. Mal wirken ihre Arbeiten extrem sparsam und schlicht, dann wieder komplex und vielgestaltig. Immer sprechen ein überaus differenzierter gestalterischer Ansatz und eine bisweilen stimmungsvoll-poetische Note aus ihren Blättern.

1960 in Hamburg geboren studiert Esther Naused von 1980 bis 1984 zunächst Ethnologie und Kunstgeschichte an der dortigen Universität, bevor sie dann von 1982-86 ein Kunststudium an der Hochschule für bildende Künste anschließt, das sie in die Klasse von Gotthard Graubner führt, einem der bedeutenden Hauptmeister monochromer Farbmalerei in Deutschland. Seit 1994 ist Naused auf zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland präsent; seit 1984 agiert sie zudem als passionierte Bogenschützin und ist, nur nebenbei bemerkt, 1999 Weltmeisterin im japanischen Bogenschießen.

Die in dieser besonderen Disziplin nötige Einheit von gezielter Anspannung und meditativer Ruhe, von äußerer Kraft und innerer Balance, seelischer Harmonie und geistiger Kontemplation, spricht ebenso aus den Bildfindungen. Naused kombiniert und erweitert die reine, traditionsreiche Kunst der Tuschemalerei mit modernen, wässrig aufgelösten Acrylfarben und gelangt so zu einer koloristischen Belebung der nuancenreichen Schwarz-Weiß-Kontraste.

Dem Betrachter eröffnen sich faszinierende Bildwelten zwischen Fläche und Raum. Durch den Prozess der wohldosierten Pinselsetzung muten sie in gleichem Maße fragil und filigran, wuchtig und kompakt, fließend bewegt und tektonisch gebaut, minimalistisch und monumental an. Mal zwingt die Künstlerin ihre Formen zu hermetischer Geschlossenheit, dann atmen sie wieder eine offene Transparenz. Stets wird unser Auge in atmosphärische Bildtiefen zwischen Licht und Schatten gezogen. Wir meinen Fensterausblicke in helle Fernen zu erhaschen oder Landschaften und Horizonte im dämmrigen Schimmer eines Zwielichtes zu erkennen; wir meinen durch dünne Vorhänge vom Dunkel des Vordergrundes in ein geheimnisvolles Dahinter zu schauen oder Spiegelungen auf reflektierenden Wasseroberflächen wahrzunehmen. Auch Erinnerungen an Architekturen oder an fotografische Details schwingen mit. Es ist ein immerwährendes Spiel zwischen Nähe und Distanz, Bewegung und Ruhe, Flüchtigkeit und Beständigkeit, das den Betrachter von Bild zu Bild schreiten lässt.

Gestische Pinselschraffuren stehen neben blockhaften Konstruktionen, zarte, fast hingehauchte Formlavierungen neben harten und kantigen Flächenzonen. Variantenreich kombiniert Naused die klassische, aquarellhafte Nass-in-Nass-Technik mit trockenen Farbaufträgen der Tusche. Als intuitiv beschreibt die Künstlerin ihren Arbeitsprozess und erklärt (Zitat): „Meine Bilder entstehen nicht durch Kalkül und dezidierte Absicht, sondern tauchen aus der fließende Farbe auf, nehmen allmählich Konturen an und treten schließlich mit Entschlossenheit in Erscheinung, als hätten sie in einem dunklen Raum ungeduldig darauf gewartet, daß ihnen jemand die Tür öffnet.“ Nicht exakte Planung ist hier also am Werk, sondern vielmehr eine Synthese aus spontanem Malakt und kontrollierter Komposition. Naused scheint ihre Werke gleichsam aus dem Unterbewusstsein zu schöpfen und stößt eine Tür auf zu inneren Vorstellungswelten, bei denen auch seelisch-geistige Dimensionen anklingen.

Nauseds Faszination für bewegte Oberflächen mit Spiegelungen und Reflektionen artikuliert sich schließlich in ihrer experimentell angelegten Videoarbeit mit dem Titel „Luxx 2“. Aus der unmittelbaren Beobachtung heraus, und nicht ohne einen humorvollen Unterton, richtete sie ihre Kamera auf Licht- und Schattenspiele auf Wasser- und Papieroberflächen. Die Künstlerin nennt diese Videoarbeit ein „bewegtes Skizzenbuch“, das – wie ich meine – ganz wunderbar mit ihren übrigen Bildkompositionen korrespondiert und für uns noch einmal neue Licht-Klang-Räume entstehen lässt.

Konzentration auf das Elementare, entschiedene Reduktion der Mittel sowie Prägnanz und Präzision der Umsetzung prägen die Arbeiten von Esther Naused, mit denen ihr eine eigenständige Neuinterpretation der jahrhundertealten Kunst der Tuschemalerei gelingt.

Fragen wir abschließend nach Schnittstellen im Schaffen der beiden Künstlerinnen, so sind diese am ehesten im Gestaltungsprinzip der prozesshaften Schichtungen, Überlagerungen und Durchdringungen von Flächen und Formen zu finden, mit denen Nadja Nafe und Esther Naused gleichermaßen überraschende Bildräumlichkeiten und atmosphärische Tiefen entstehen zu lassen. Auch die Verschränkung von Flüchtigkeit und Dauerhaftigkeit verbinden beide künstlerische Ansätze miteinander. Ihre ebenso expressiven wie sinnlich ansprechenden Arbeiten entfalten sich in einem offenen Dazwischen von konkreter Darstellung und nicht fassbarer Empfindung. Sie laden uns ein zu einem konzentrierten Sehen und zu einem Sich-Versenken und Fallen-Lassen in das Gezeigte.

© Dr. Andreas Gabelmann, Kunsthistoriker, Radolfzell

 

 

 

 

 

Einführung von Dr. Andreas Gabelmann

DIMENSIONEN IN PAPIER 
Sabine K. Braun und Eberhard Freudenreich – Rauminstallationen, Objekte, Zeichnungen
Vernissage im Kunstverein Radolfzell, 13. März 2015




 
 
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Sabine Braun, lieber Eberhard Freudenreich, geschätzte Kunstfreunde.
 
Papier gehört zu den ältesten Werkstoffen in der Kulturgeschichte der Menschheit. Seit Jahrtausenden ist es ein bevorzugtes Medium elementarer schöpferischer Tätigkeit und Vermittler geistiger Botschaften. Dabei ist es zugleich ein sehr vielschichtiges und wandelbares Material. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts befreite sich das Papier zunehmend aus seiner bislang dienenden Funktion als Träger von Bild und Schrift und gewann seine Eigenwertigkeit als autonomes Ausdrucksmittel – in der Kunst der Gegenwart bietet der Werkstoff Papier große gestalterische Herausforderungen und faszinierende Ausdrucksmöglichkeiten. Die Aktualität und Wertschätzung des traditionsreichen Werkstoffes in der zeitgenössischen Kunst vermittelt diese Schau. Mit Sabine K. Braun und Eberhard Freudenreich präsentiert unsere Ausstellung zwei eigenständige Positionen, die mit ihren Objekten, Installationen und Zeichnungen dem Medium Papier gänzlich neue Dimensionen im Spannungsfeld zwischen Körper, Linie und Raum eröffnen.
 
Sabine K. Braun, deren Werke im Obergeschoss zu sehen sind, wird 1960 in Tübingen geboren. Ihre künstlerische Ausbildung erhält sie von 1979 bis 1989 durch das Studium der Freien Grafik an der Stuttgarter Akademie. Seit Mitte der 80er Jahre machen zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen auf das Schaffen der Künstlerin aufmerksam. Sabine K. Braun gehört zu den innovativsten Vertreterinnen der aktuellen Papierkunst im deutschen Südwesten. Sie lebt und arbeitet in Stuttgart.
 
Braun begann zunächst mit Pinselzeichnungen und gelangte dann über den Papierschnitt zu räumlichen Strukturen. Ab 1990 entdeckte sie das Prinzip der Faltung von Industriepapier, auch als Packpapier bekannt, als zentrales Ausdrucksmittel ihres Schaffens. Fortan bestimmen dreidimensionale, komplex aufgebaute Konstruktionen Aussage und Wirkung ihrer höchst experimentierfreudigen Beschäftigung mit Papier. Braun manipuliert und kaschiert gezielt das Material, um dem fragilen Medium eine überraschende Stabilität zu entlocken. In einem aufwendigen und langwierigen Arbeitsprozess faltet, knickt und verklebt sie es so, daß dünne, aber sehr widerständige Vierkantstäbe entstehen, die sie teilweise farblich überarbeitet. An diffizil konstruierten Knotenpunkten docken diese Röhren an und verzweigen sich dann wie ein unkontrolliert wucherndes Geflecht im Umraum. Mit diesen als begehbare Kunstwerke konzipierten Netzgebilden reagiert Braun auf den jeweiligen Ausstellungsraum, für den sie speziell ihre Installation auf Zeit erschafft.
 
In ihren dynamisch bewegten Hänge- und Wandobjekten befreit Braun den Werkstoff Papier aus seiner tradierten Flächenhaftigkeit und erweitert ihn auf ebenso subtile wie kraftvolle Weise in den Raum hinein. Uns begegnen geradezu spektakuläre Konstruktionen, die sich netzartig wie ein organisch gewachsenes Zellgewebe von der Decke herab entwickeln. Dabei hält Braun stets die Balance zwischen sorgsam geplantem, technisch anmutendem Aufbau und freier spielerischer Qualität, zwischen klarer systematischer Ordnung und wie zufällig gefundenen Strukturgebilden, die sich scheinbar ins Unendliche hinein vorstellen lassen. Unwillkürlich werden vielfältige Assoziationen wachgerufen, erinnern die Werke an molekulare Gewebemuster, amorphe Hybriden, Blutbahnen, bizarre Kabelverbindungen und rätselhafte Apparaturen. Auch meinen wir Tentakel, Fühler und seltsame Sinnesorgane zu erkennen, die wie filigrane Raumzeichnungen in dem leeren Luftraum lebendig werden.
 
Auch in den sogenannten „Wirbeln“, die als einzelne Hängeskulpturen die großen Netz-Installationen begleiten, verselbständigt sich das Papier als absolute Form im Raum. Hier lotet Braun das Spannungsfeld aus zwischen plastischem Volumen und aufgebrochener Transparenz. Mit ihrer Verdichtung der dynamisch bewegten Strukturen bilden die Wirbel einen reizvollen Kontrapunkt zu den extrem offenen Netzgebilden. Die braune Farbigkeit des Packpapiers verleiht ihnen die Anmutung von Eisen- oder Drahtfragmenten. Sie erscheinen wie phantastische Metamorphosen. Auf eindrucksvolle Weise erkundet Braun den Bereich zwischen der konkreten Materialität des schlichten Packpapiers und seiner immateriellen Aura.
 
Zu ihren neuesten Arbeiten zählen die sogenannten „Stäbchenarchitekturen“ – miniaturhafte Papier-Objekte in gläsernen Boxen, die nach Aussage der Künstlerin „Formkerne“ darstellen, die in ihrer Grundgestalt Bezug nehmen auf die großen Raumverspannungen. Im Kontrast zum freien Wuchern steht hierbei die bewusste Beschränkung auf ein streng begrenztes Raumangebot.
 
In den außergewöhnlichen Arbeiten von Sabine K. Braun durchdringen und ergänzen sich Technoides und Skulpturales, Architektonisches und Organisches. Immer interveniert sie mit ihren abstrakten Formerfindungen auf ebenso sinnliche ansprechende wie technisch präzise Weise in den Raum und untersucht das Papier auf seine Wirkungsmöglichkeiten zwischen Leichtigkeit und Energie. Braun erschafft konstruktiv-organische, zellulare Systeme, die mit großer dynamischer Spannkraft auf den Raum einwirken und ihn als neue Gedankensphäre erfahrbar machen. Der Raum gerät in Schwingung und wird für den Betrachter zu einem emotional aufgeladenen Erlebnisort, jenseits des Bekannten und Vertrauten.
 
Im Erdgeschoss der Villa Bosch begegnen uns die Arbeiten von Eberhard Freudenreich. 1963 in Bad Urach geboren, studiert er von 1986 bis 1991 Freie Grafik an der Stuttgarter Akademie und vertieft diese spezielle Ausrichtung bis 1993 durch ein Aufbaustudium. Seit 1993 ist er als freischaffender Künstler tätig. Zahlreiche Stipendien, Preise und öffentliche Aufträge sowie eine Fülle von Einzel- und Gruppenausstellungen prägen seit 1990 sein vielfältiges Schaffen. Freudenreich, der zu den wichtigsten Vertretern zeitgenössischer Papierkunst zählt, lebt und arbeitet in Stuttgart. 
 
Im Zentrum seines Werkes steht die Interaktion zwischen Linie, Fläche, Volumen und Raum. In unserer Ausstellung zeigt er eine konzentrierte Auswahl von Arbeiten aus den Jahren 2008 bis 2015. Dabei lassen sich drei Werkgruppen unterscheiden: plastische Objekte, Kantenzeichnungen und verschiebbare Raumschichtungen. Freudenreichs Wirken wurzelt in der Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Papierschnittes. Davon ausgehend entwickelte sich sein gesamtes Schaffen, das stets um die Wechselbezüge zwischen geschlossener und offener Form kreist. 
 
Die Karton-Schnitte entstehen durch das akkurate Herausschneiden abstrakter Formen unter Zuhilfenahme der immer gleichen Schablonen. Diese wenigen Urformen variiert und kombiniert Freudenreich auf der Fläche wie in einem Schnittmuster immer wieder aufs Neue. Die so entstandenen Arbeiten leben vom ausdrucksstarken Mit- und Gegeneinander positiver und negativer Umrissformen, welche die Wahrnehmung des Betrachters aktivieren. 
 
Elemente jener Karton-Schnitte finden sich wieder in den sogenannten „Raumschichtungen“, von denen der Künstler eigens für diese Ausstellung vier neue große Arbeiten geschaffen hat. Auf der Grundlage seines Formenschatzes der Schnitte spielt er nun mit der Durchdringung und Überlagerung von Flächen und Räumen, indem er die ausgeschnittenen Papierfragmente in gläsernen Kästen so arrangiert, daß sie vom Betrachter nach Belieben durch Verschieben der hintereinander gestaffelten Bildebenen neu gestaltet werden können. Hierbei entstehen reizvolle Resultate mit ständig neuen Wechselwirkungen von geschlossenen Formen und freien schwebenden Durchblicken, wobei Kontraste zwischen Licht und Schatten sowie Ruhe und Bewegung eine wesentliche Rolle spielen.
 
In seinen goldfarbenen Objekten, die Freudenreich „Additionen“ nennt, entwirft er geometrische und zugleich organisch anmutende Konstruktionen, in denen durch gefaltete Grundmodule plastische Strukturgebilde mit skulpturaler Wirkung entstehen. Der Künstler agiert darin mit der ebenso systematischen wie freien Kombinatorik einzelner Bauteile, aus deren spielerischer Addition amorphe Werke hervorgehen. Wie in den Kartonschnitten gewinnen dabei die Kanten ihren besonderen Ausdruckswert. (Zitat) „Je nach Lichteinfall weisen die Kanten den Flächen eine Schatten- oder Reflektionsfläche zu, die die Erscheinung des Objekts im tageszeitlichen Verlauf beeinflussen. Im Objekt selbst entstehen durch das Aneinanderreihen der Module Spannungen, die das Objekt formen“, erklärt Freudenreich dazu. Die Werke thematisieren das Spannungsverhältnis zwischen Fragilität und Stabilität des Papiers sowie zwischen kompakter Masse und offenen Leeräumen. 
 
Eine ganz eigene Form in der Beschäftigung mit der Linie entwickelt Freudenreich schließlich mit seinen großformatigen „Kantenzeichnungen“. Darin wandert der Bleistiftstrich durch präzises, minimales Verschieben der Schnittschablonen als gleichmäßige Parallelschraffur über das Papier. Durch  Überschneidungen und Durchdringungen erzeugen die Linienverläufe ungeahnte Räumlichkeiten und überraschende Volumeneffekte. Als Ausgangspunkt für diese Art der Zeichnung dienen dem Künstler die immer gleichen vier Schablonen, an deren Kante entlang die Linie lebendig wird. Freudenreich untersucht die Linie als völlig autonomes Ausdruckselement, aber nicht im Sinne einer freien gestischen Gebärde, sondern als eine strikt an die konkrete Form gebundene Spur, die durch Bewegung auf der Fläche Raum und Körperhaftigkeit gewinnt. „Die Zeichnung ist eine Befragung der Kante“, erklärt der Künstler das Prinzip dieser Arbeiten, die als lineare Raumschichtungen unser Auge in den Bann ziehen. Funktion und Bedeutung, Wirkung und Wahrnehmung der Linie werden gezielt ausgelotet.
 
Freudenreichs Werk offenbart ein Arbeiten nach dem Gesetz der Serie. Immer geht es ihm um das Durchspielen bestimmter, wiederkehrender Formen. Zentral ist dabei sein Interesse am Prozesshaften in der Auseinandersetzung mit dem Papier. Und immer ist es die Kante, die – sei es durch Herausschneiden, Nachzeichnen oder Falten – bei ihm eine entscheidende Rolle spielt. Sein Fokus liegt stets auf räumlichen Konstruktionen, die sowohl den Werkstoff Papier in seiner Materialität befragen als auch die immateriellen Zwischenräume zur Wirkung verhelfen.
 
Die Ausstellung „Dimensionen in Papier“ ermöglicht einen neuen Blick auf den vermeintlich schlichten Werkstoff. Die Werke von Sabine K. Braun und Eberhard Freudenreich lassen die Vielschichtigkeit und Variabilität im Umgang mit Papier unmittelbar spürbar werden. Schneiden, Falten, Formen – in den Arbeiten eröffnet sich ein reichhaltiges Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten. Immer hinterfragen die Künstler die Funktion, Wahrnehmung und Wirkung des Materials. Sabine K. Braun agiert in und mit dem Raum und schafft darin extensive Installationen, die als temporäre Aktionen konzipiert sind. Bei Eberhard Freudenreich steht die Konzentration und Reduktion in der Arbeitsweise im Zentrum, die mittels prozesshafter Strategien zu einer eindrucksvollen Formfülle der Schichtungen und Faltungen führt.
 
Tauchen Sie, liebe Besucher, ein in diesen faszinierenden Kosmos der Papierkunst!
 
Dr. Andreas Gabelmann