Bildschweine

 

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Axel Brandt, lieber Thomas Putze,

liebe Freunde der Kunst!

 

Vielleicht haben Sie dieser Tage im Südkurier auch die Notiz gelesen:

Hungriges Wildschwein im Laden erschossen. Auf der Suche nach Essbarem ist ein Wildschein durch den Haupteingang eines Freiburger Lebensmittel-Discounters spaziert, hat ein Rolltor gerammt und da es wohl nicht ungefährlich war, wurde es von dem herbeigerufenen Jäger erschossen.

Heute Topic im Weltspiegel: Invasion der Wildschweine. Die Hälfte soll abgeschossen werden.

Das Thema unserer Ausstellung ist hochaktuell. Wir begegnen nicht nur einem Wildschwein, auch einer ganzen Horde von Wildschweinen und das ist ungefährlich, Sie werden sehen, es ist sogar erfreulich, erlebnisreich und spannend, absolut kunstwürdig.

Sie erleben dabei einen Maler und einen Bildhauer deren ganz eigene, in sich stimmigen Arbeiten auch zusammen rundes, stimmiges Bild ergeben. Es sind Axel Brandt und Thomas Putze. Beide zeichnen sich aus durch Authentizität und eine immense Schöpferkraft. Beide reagieren äußert sensibel auf Wahrnehmungen und Impulse, spontan und schöpferisch gestaltend.

Axel Brandt, er ist der Maler, bannt seine Eindrücke geradezu plastisch auf die Bildfläche, sie scheinen haptisch aus dem Bildgrund herauszuwachsen, werden fast greifbar für uns. In einem Kraftakt setzt er sein Malmaterial ein, spontan, mit Pinselauftrag oder Spachtel, oder direkt aus der Tube. Farbgewaltig, ausdrucksstark und lebendig erscheinen uns die scheinbar realistischen Motive nah und vertraut, aber dann auch wieder fern und irritierend.

Der Mitspieler Thomas Putze, er ist der Bildhauer, sieht und findet in seinem Werkmaterial Holz, vorzugsweise altes Holz und Fundstücke, schon die Formen und Wesenszüge der Gestalten, die er entstehen lässt. Dabei geht es ihm nicht um Detailgenauigkeit oder gar um ästhetische Schönheit. Er zeigt sie mit ihren Einschränkungen und ihre Verletzungen. Wo er ihre Unmittelbarkeit verstärken kann oder wo gar ein Teil fehlt, ergänzt er mit zum Teil völlig anderen, gebrauchten Materialien wie Metall und Plastik, Gummi oder Stahl. Was ihn anspringt, gestaltet er um, wenn es sein muss, auch brachial. Schmerz darf sichtbar werden.

Beiden Künstler gemeinsam ist der zupackende Aktivismus. Für ihre Ausstellung haben sie „Bildschweine“ als Titel gewählt. „Bildschweine“, ein Wort, das wir in den Lexika nicht finden werden. Dort gibt es keine Bildschweine. Ein Kunstwort! Was wollen sie, die Künstler?

Mit „Bildschweinen“ wollen sie uns ein Ausstellungskonzept vor Augen führen, sie wollen zeigen, wie sie arbeiten, wie sie mit ihren Werken, von denen sie sich auch immer wieder trennen, die sich trotzdem ständig vermehren, umgehen. Es geht um Konzepte künstlerischer Entstehungsprozesse und um den Umgang mit dem Kunstschaffen und dem Geschaffenen, den Kunstwerken. Lassen wir am besten die Künstler selbst zu Wort kommen.

Ich zitiere Axel Brandt: „Bildschweine,

lebendige Werke, die den Künstler plagen, stehen kreuz und quer im Atelier. Farbe läuft, blättert ab, verändert sich beim Trocknen. Stellen verweigern sich widerborstig weiterer Bearbeitung ("ich bin eine gute Stelle"), andere lassen sich allzu schnell verwerfen.

Vor dem Transport kleben sie aneinander.

Ausgestellt schlagen sie sich gleich auf die Seite des Betrachters und Redners, immer noch Fragen und Probleme.

Gut abgehangen und verkauft geben sie endlich Ruhe“.

Thomas Putze gibt den „Bildschweinen“ noch einen Untertitel: auch Skulpturen und Performances kann man versauen. Zitat:

 „Im Atelier ansitzen, durch Abschuss von Fehlbildungen den eigenen Bildbestand hegen, dann und wann ein kapitales Kunstwerk zum Abschuss freigeben.

Warum nicht vom Hochsitz runtersteigen und durch das Feld ästhetischer Zartheiten mit triefendem Rüssel pflügen, die mit auswendig gelerntem Jägerlatein vollgeschriebenen Vokabelhefte zerfetzen und sich in den Schnippseln suhlen bis sich neue Fachbegriffe bilden? Vielleicht lässt sich mittels derer besser mit fremden Bachen flirten und eine neue kreative Ranzzeit einläuten.

Verlockende Aussichten, zur Sau zu werden, bzw. in der eigenen Kunstproduktion die Sau rauszulassen. Aber das erfordert nicht nur Instinkt und Urvertrauen in eigene wie fremde Kräfte, sondern auch eine dicke Haut und Durchhaltevermögen. Letzteres sollte auch der Betrachter mitbringen: Bildschweine sehen schlecht, aber riechen stark!“ Zitatende.

Thomas Putze bringt stilsicher und stimmig scheinbar Gegensätzliches, Ernstes und Heiteres, Wirkliches und Absurdes, Tragisches und Komisches zusammen und formt daraus eine eigene neue Aussage.

Da ist das große Szenario des Ateliers. Vielleicht besitzen Sie das Vorstellungs-vermögen die Vielzahl von Bildern und Skulpturen darin zu sehen, die Künstler dazwischen, sie sind Gestalter und Umgestalter, die ihre gesamte Herde im Auge haben, die einschreiten, wo sie es für nötig erachten. Beide, Axel Brandt und Thomas Putze sind wachsam und immer bereit zu einem Eingriff, nichts ist vor ihrem hintersinnigen Zugriff sicher.

Nach dem Spaßfaktor befragt sagt Thomas Putze, dass er nie beabsichtigt etwas besonders Witziges zu machen. Zitat: „Da ich die meisten ernsten Sachen nicht ernst nehmen kann, werde ich gerne unernst, aber das meine ich dann schon ernst. Oder anders gesagt: Ich kann nicht anders.“

Und fragt man Axel Brandt wie er denn auf solche Ideen wie Wildschweine, Blasmusiken und Schreibmaschinen, Tüten und Glocken kommt, so sagt er:

„Ich komm auf gar keine Ideen“, die Ideen kommen auf mich.“

Die Wildschweinidee springt ihn an in der Winterlandschaft seiner bayerisch-schwäbischen Heimat im Hinterland von Ulm. In der Ferne die winterlichen mit Schnee bedeckten Berge, ihre Spitzen wie Kristalle am noch nächtlichen Himmel, noch vor dem Sonnenaufgang, noch leuchten die Sterne. Dann die Wildschwein-horde, prustend stiebt sie aus dem Hinterwald und tobt sich in dieser immensen Schneelandschaft aus.

Ohne Vorzeichnung, Skizze oder gar Foto bannt Axel Brandt das Erlebte spontan in die Leere der unberührten Leinwand. Er weiß, was er will und er macht es für uns erlebbar, malerisch wie plastisch. Er lässt den Keiler aus dem Bildgrund heraus direkt auf uns zupreschen.

Auch bei Thomas Putze finden wir Keiler. Die Sauen haben ihn schon zu vielen Schöpfungen inspiriert. Auf der Einladungskarte die dreibeinige Sau mit ihrem riesigen Bremskeil-Rüssel, die scheinbar nur fürs Fressen lebt. Auf dem Fensterbrett dann eine fröhlich hüpfende Sau und im selben Raum nicht nur die wonnig, kugelige Bürstensau, auch die Sauger-Sau, die sich nur mit ihrer Hüftprothese auf den Beinen halten kann. Im gegenüberliegenden Raum erleben wir gar einen Wildwechsel, eine ganze Herde pflügt sich durch ein Feld, vom Jägerstand aus beobachtet – wie könnte es anders sein - von einem Keiler. Hier muss ich zu dem Anfangs Gesagten ein kleine Einschränkung machen. Denn diese Wildscheinherde ist doch nicht ganz ungefährlich. Ich bitte Sie sich mit Vorsicht und sehr behutsam zwischen der Herde zu bewegen, damit Sie auf keinen Fall zu Fall kommen. Wir wollen keine Jäger rufen. Mit einer großen Fahne im Treppenhaus - voller Schweinereien - zeigt uns Putze welch genialer Zeichner er ist. Selbst gitarrespielende Schweine finden sich darauf, ein Bezug zu der heute stattfindenden Performance.

Wenn Putze zu Holz, Plastik und Metall, Gummiteilen und Schläuchen greift, dann gestaltet er sie um zu einer Skulptur, setzt sie in Szene, bringt ihre Aussage auf den Punkt. Wie auch bei Axel Brandt müssen die Einzelheiten nicht stimmig sein, die Skulptur muss erkennbar sein. Betrachten wir diese zurecht gestutzten Gestalten, so berühren sie uns, sie erinnern in ihrer Unvollkommenheit an menschliche Gegebenheiten und Verhaltensweisen. Wir hinterfragen sie. Und wir stellen fest:

Trotz ihrer Beschränkungen und Verletzungen scheinen sie mit Witz und Humor über ihren Handicaps zu stehen. Sie sind Außenseiter, dennoch starke Charaktere, die sich mit Frische und unbändiger Lebensfreude behaupten. Hier herrscht gesellschaftliche Inklusion vor. Und das gilt für die gesamte Sauengesellschaft. Alle sind sie Individualisten und jede von ihnen, ich zitiere Werner Meyer, den Direktor der Kunsthalle Göppingen, hat „der Banalisierung und Vergegenständlichung in der Masse und seiner ästhetischen Wertlosigkeit mit Originalität, Würde und Komik gleichermaßen widerstanden“.

„Bildschweine“, das ist die Gesamtheit eines bizarren Panoptikums, erschaffen von Künstlern mit Sinn für Humor, Ironie und das Groteske, liebevoll, manchmal auch bösartig.

Auf einige Arbeiten möchte ich sie noch aufmerksam machen. Zunächst sind das zwei Arbeiten Thomas Putze. Mensch und Tier sind sich bei ihm ganz nahe, sind Teil seiner skulpturalen Geschöpfe. So geht es in der Serie der Leintuchwandler eindeutig um Menschen, wir sehen jedoch von ihnen nur ihre Füße und Beine. Anstelle ihrer Körper befinden sich leere Leinwände. Sie haben sich den Raum erobert, von der Wand herunter. Es ist ein beeindruckendes Spiel zweier Ebenen, Malerei und Skulptur.

In einer weiteren Arbeit scheint ein Locher Mutter und Kind als Wippe zu dienen Obenauf das Kind, die Mutter unten, ihre Füße haben im Stanzer Halt gesucht. Ein gefährliches Spiel, das schmerzhaft ausgehen könnte. Der Locher also, Spielgerät oder gar Marterwerkzeug? Immer wieder tauchen diese Doppelbödigkeit  und die unterschiedlichen Bedeutungsebenen in Putzes Arbeit auf.

Und wieder zu Axel Brandt: Ganz banale Dinge aus dem alltäglichen Umfeld, können ihm Impuls für seine Arbeiten sein. So ist auch eine Serie von Einkaufstüten entstanden. Eine Hand, fast monochrom, fleischfarben, hält eine Plastiktüte, die Buchstaben darauf nicht mehr lesbar, doch die starken Farben der Tüte, rufen bei uns umgehend eine Konnotation hervor und machen sie sofort erkennbar: Eine Aldi-Tüte. Entsprechendes gilt für die Tüten von Lidl, Real und Netto. Sie alle verweisen auf diese, unsere Alltagsästhetik, die wir, aufgestülpt von der Werbung, längst nicht mehr hinterfragen.

Die größte Arbeit in dieser Ausstellung ist der Lastwagen, so wie man ihn früher auf den Straßen vom Osten her kommend oft sehen konnte, fast raum-und bildsprengend aus der Farbe heraus in den unterschiedlichsten Techniken auf die Leinwand gebracht, pastos, dickflüssig, dann wieder durchscheinend transparent. Im Großformat kann sich Brandts malerisches Potential voll entfalten und ausleben, es ist Malerei, die man einfach goutieren muss. Bilddominierend der Laster! Ein Magirus, auf dem Kühlergrill die stilisierte Silhouette des Ulmer Münsters verschmolzen mit dem M für Magirus. Blickdominierend der Fahrer! Er scheint aus der Farbe geboren, in triefendem Farbauftrag sitzt er vor dem riesigen Gefährt. Er hat seinen Samowar hervorgeholt und macht Pause, es ist Teepause.

Auch weitere Bilder sind eine Reminiszenz an seine Ulmer Heimat. Im Münster war er viele Jahre lang im Posaunenchor und einmal im Monat hat er vom Turm Posaune geblasen. Nun haben die Posaunen und Trompeten und die Bläser – man kann sie beim Betrachten der Bilder förmlich hören - Eingang in die Ausstellung gefunden. Und auch die Glocken! Das Glockengeläut gehört zu Ulm. „Ulm, das hört sich an wie der Klang der größten Glocke vom gewaltigen Münster“. Glocken haben eine 5000 Jahre alte Geschichte. Sie sollen Himmel und Erde miteinander verbinden, ein Gedanke, der durch alle Kulturen geht. Malerisch und mit Hingabe, mit den Einsatz seiner ganzen Körperlichkeit hat Axel Brandt seine Glocken im großen Format auf der Leinwand geformt. „Gloriosa“ nennt er eine der Glocken, die wir hier sehen. So heißt auch die größte und schwerste Glocke des Ulmer Münsters, die am tiefsten klingende, Fundament für das Festgeläut. „Ve r g e s s e n“ steht auf einer weiteren Glocke. Für ihn ist sie die Totenglocke, entstanden im Gedenken an seinen Professor und späteren Freund Dieter Krieg.

So sehr es ihm um die Erinnerung an Heimat geht, so sehr geht es ihm um Malerei. Sie ist sein wahres Zuhause. Da ist er daheim. Da kann sein Werk entstehen.

Axel Brandt ist Maler. „Gut, dass ich kein Schreiber bin“, das postuliert er selbst in seinen Arbeiten. Er zeigt es uns mit den Bildern seiner Schreibmaschinen. Die Verbindung zu den Tasten ist wirr unterbrochen. Und auf den Tasten können wir lesen: „Gut, dass ich kein Schreiber bin“. Auf einer weiteren Schreibmaschine entdecken wir Maler – Schwein – Bild – Schweine, Wörter sind austauschbar untereinander. Ironie ist immer im Spiel. Es ist Freiraum für Gedankenspiele und Assoziationen.

Sehr geehrte Damen und Herren, Kunst erschließt sich nur durch Betrachtung! Ich hoffe, ich konnte Ihnen einige Anstöße dazu geben. Nun wünsche ich Ihnen viel Freude beim Betrachten, natürlich auch bei der Performance der Künstler, die Sie heute Abend erleben.

© Trude Kränzl