Kunstverein Radolfzell in der Villa Bosch, Radolfzell 29.06. – 25.08.2019

Eröffnung der Ausstellung am Freitag, 28. Juni 2019, 19.00 Uhr

 

Cordula Güdemann – Gisela Kleinlein

Spiegelberg und Lockenroller

Malerei – Objekte

 

„O, das Objekt lauert. Ich setze mich nach dem Frühstück frisch, wohlgemut an
die Arbeit, ahne den Feind nicht. Ich tunke ein, zu schreiben, schreibe: ein Härchen in der Feder, damit beginnt es. Der Teufel will nicht heraus, ich beflecke die Finger mit Tinte, ein Flecken kommt aufs Papier, – dann muss ich ein Blatt suchen, dann ein Buch und so weiter, und so weiter, kurz, der schöne Morgen ist hin. Von Tagesanbruch bis in die späte Nacht, so lang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt das Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muss mit ihm umgehen wie der Tierbändiger mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt hat; er lässt keinen Blick von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem; was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt, ist nichts, ist Märchen; nein,
der starre Blick sagt dem Vieh nur, dass der Mensch wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse. So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfass, Papier, Zigarre, Glas, Lampe — Alles, Alles auf den Augenblick, wo man nicht Acht gibt. [...] Doch
nicht immer waltet aggressive Form. Das Objekt liebt in seinem Teufelshumor namentlich das Verschlupfspiel.“

So beschreibt der Anonymous A.E. in Friedrich Theodor von Vischers im Jahr 1879 erschienenem Reiseroman Auch Einer (daher A.E.) die überall lauernde Tücke jedweden Objektes, ja den geradezu durchorganisierten Aufstand aller Dinge. 1807 in Ludwigsburg geboren war der Schriftsteller und Philosoph auch unter den Pseudonymen Philipp U. Schartenmayer oder gar als Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky bekannt, oder schlicht der „V-Vischer“ genannt worden. Den besagten Aufstand der Dinge aber machte geraume 100 Jahre später die unter eben demselben Motto (1973) publizierten Byzantinischen Aufzeichnungen – so der Untertitel (zum Aufstand der Dinge) – aus der Hand Erhart [nicht Erich!] Kästners populär.

 

Cordula Güdemann und Gisela Kleinlein nun, unsere beiden 1955 geborenen Künstlerinnen der aktuellen Ausstellung des Kunstvereins Radolfzell in der Villa Bosch verbindet nicht nur eine langjährige Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung, seitdem sie sich in ihrer Studienzeit Ende der 1970-er Jahre an der Kunstakademie in Düsseldorf begegnet waren. Das Widerständige ihrer Malerei und Objekte – der Aufstand der Dinge, aber auch der der Figuren, des Materials und der Farbe – kennzeichnet ebenso auch die hier gezeigten Arbeiten der Beiden. Nachdem Cordula Güdemann zunächst an der Kunstakademie Karlsruhe, Gisela Kleinlein an der Nürnberger studiert hatten, waren sie also in Düsseldorf aufeinandergetroffen und lehren heute selbst wiederum als Professorinnen an den Kunsthochschulen in Stuttgart beziehungsweise Wuppertal.

 

Spiegelberg und Lockenroller (bekanntlich der Titel der hiesigen Präsentation) rotten sich so – wiewohl eigentlich über die zwei Ausstellungsetagen hinweg getrennt – zu einem gemeinsam geplanten Aufstand der Dinge zusammen. Der Spiegelberg exemplarisch für Güdemanns Malerei, ein Lockenroller für die Objekte Kleinleins, führen sie als Artefakte fortan ein selbstsinniges (vielleicht auch selbstsinnliches?) Eigenleben, feiern fröhliche Urständ sozusagen, anarchisch subversiv auch im Umgang mit den ihnen eigenen Bildmedien und Werkstoffen.

 

Dabei zeigt sich Cordula Güdemanns Malerei trunken vor Farbe, vorwiegend den Alarmstufen-intensiven Rottönen, süffig-saftige Gegenstandswelt, Figuren, Landschaften in sich verschlingend, Wirklichkeiten delirierend, um neue und nirvane Nichtse daraus wieder hervorzubringen. Ganze Figurengruppen haben sich da gebildet, zerfetzte Masken an- und abgelegt, Köpfe und Kopfhaufen, in denen sich flugs andere Menschlein eingenistet haben, zerebrale Zerstückelung des Helden vor Publikum, fixe Ideen darin ausbrüten oder aber die Evolution anzuzetteln versuchen. Während also noch die gesetzten Anzugträger Starfighter in wolkigen Gedankenbläschen aufsteigen lassen, stimmt im schwarz aufgerissenen Schlund die auf den Trauerflößen dahintreibende Gemeinde schon routiniert das althergebrachte Liedgut für die entsprechend staatstragenden Anlässe an.

 

Auch die querformatigen Gouachen Cordula Güdemanns muten da wie apokalyptische Landschaften (zumal Farblandschaften) an. Die in ihnen enthaltenen Verwerfungen, Lichtexplosionen, die pulsierenden Himmels- und Höllenstürze gleichermaßen sind imstande, weltgeschichtliche Visionen wie die des berühmten endzeitlichen Traumgesichtes (Aquarell, 1525) von Albrecht Dürer genauso mitzudenken wie die zerschundenen Schützengrabenlandschaften der brutalen Weltkriegsbilder eines Otto Dix. Im Zwischenbereich zwischen sichtbarer Wirklichkeit und der Auflösung derselben – zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion – ist der riesenhafte Spiegelberg zuletzt (Öl auf Leinwand, 2018) vielmehr ein Spiegel-scherbenberg. Schemenhafte Silhouetten menschlicher Figuren, letze Relikte von Architektur und Industriezeitalter, Autowracks und in die Farbe eingeschriebene Textfragmente zeigen die Dinge immer nahe am Verschwinden und sind damit auch Hinweis auf ihr akutes Bedrohtsein. Und dennoch (oder gerade deswegen) ziehen die Arbeiten von Cordula Güdemann – der Sog der Farbe – den sie Betrachtenden unwiderstehlich an; die eigensinnige Sehlust der Malerin fordert die eigensinnige Sehlust des Rezipienten heraus.

 

Der Aufstand der Dinge hat sich bei Gisela Kleinlein dagegen, die sich ganz zu Beginn ihrer Tätigkeit ebenfalls ursprünglich mit der Malerei befasst hatte, früh dem dreidimensional Objekthaften zugewandt. Wie in der aktuellen Ausstellung zu sehen, ergeben sich daraus höchst ungewöhnliche Materialsynthesen und Gebilde. Und was uns aus der Waren- und Konsumwelt zunächst durchaus vertraut erscheinen mag, erweist sich bei näherer Betrachtung dann als nachgerade störrisch, aufwieglerisch, ironisch-verschmitzt wider Sinn und Funktion gebürstet. Die Kleinlein‘schen Gefährte, sie fahren nicht; ihre Gestelle, Leitungen, Schlaufen tragen oder halten nichts; Apparaturen aller Länder vereinigt Euch, künftig nie, nie mehr wieder etwas Nützliches hervorbringen zu wollen! Eine der Arbeiten hat sogar gänzlich ungeahnte Entfesselungskünste bewiesen, als sie unlängst (2018) nämlich noch als unverrückbarer Bestandteil einer Ausstellung an einen Rundpfeiler im Berliner Projektraum Alte Feuerwache geschmiedet gewesen war und sich nun – gesprengte Ketten der etwas anderen Art – unversehens auf dem Parkett des Radolfzeller Ausstellungshauses ausbreitet, wo die silberrotunden Saugnäpfe völlig vergebens die an Gisela Kleinleins Wohnort (Berlin) fern Verbliebene festzuhalten versuchen.

 

Überhaupt ist all diesen Dingen – aus Holz, Gips, Stahl, Kupfer, Pappmaché, Schläuchen; gegossen, lackiert, geschraubt u.v.m. – in dieser überbordenden Fabulierfreude des Stofflichen etwas zutiefst Gefährliches eigen. Häufig bodennah bis kniehoch arrangiert scheint man (wider besseres Wissen) vor einem plötzlichen Angriff nie wirklich sicher zu sein – vielleicht bewegen sie sich ja doch? Eben erst leicht aus dem Blickfeld geraten würde in diesem Fall der extraterrestrische Antennensilberling in Aktion versetzt und befühlte seine Umgebungswirklichkeit (mitsamt uns in seiner Mitte) auf ihr wahr-wahrhaftiges Vorhandensein. Wer aber kann schon wissen, welch ungefügen Monstren gleich noch aus dem scheckigen Ringgelege schlüpfen, das Gisela Kleinlein aus ihrer Wunderkammer des Vermeintlichen hier an den Bodensee verfrachtet hat.

 

 

Clemens Ottnad M.A., Kunsthistoriker, Stuttgart

Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg