Malerei, Grafik, Skulptur

 

"eingegrenzt und uferlos"

 

ruthbiller platzhalter friederkuehner

Ruth Biller, Berlin

 

Frieder Kühner, Stuttgart

 

Dauer

platzhalter

21.03.2009 – 03.05.2009

   

 

Öffnungszeiten

 

Di – So 14 – 18 Uhr

   

Karfreitag geschlossen / Ostermontag offen

   

 

Eröffnung der Ausstellung

 

Freitag 20.03.2009 um 19 Uhr

   

Dr. Gunter Langbein / 1. Vorsitzender

   

 

Einführung

 

Frau Dr. Barbara Stark / Leiterin der städt. Wessenberg Galerie Konstanz

   

Eröffnungsrede: PDF-Download >>

 

Frieder Kühner

Seit gut 35 Jahren interessieren Frieder Kühner konstruktive Systeme und ihre Variationsmöglichkeiten. Immer wieder sind es Schichtungen von Flächen, die den Betrachter irritieren, ihn aber auch zur Weiterführung des Spiels anregen sollen. Gleichzeitig sind Kühners Bilder vielschichtige Hinterfragungen des Bildraums. Dabei werden Form und Farbe, Linie und Textur in teils antagonistische Beziehung gebracht. Pars pro toto steht eine begrenzte Zahl an Realisaten stets für eine fast unbegrenzte Zahl an Möglichkeiten.

Ruth Biller

Die Aufmerksamkeit auf mehrere Ebenen lenken, ein Detail fokussieren oder zerfallen lassen fordert filmisch anmutende Bildstrukturen als Ausdrucksmittel heraus. Gebäude, Pflanzengebilde, kunsthistorische Dokumente- gefunden wie selbst fotografiert- diese aus ursprünglichen Zusammenhängen gerissenen, manchmal krass auf ihre Grund- struktur reduzierten oder in flüchtig wirkende Bewegungssequenzen transformierten Sujets dienen als Inspirationsquelle der Werke von Ruth Biller. Die retardierenden Handlung des Malens verwandelt diesen experimentellen Fundus von Bildschnitten in eigenständige optische Versionen. Aus der Einhaltung einer puristischen Form entsteht der paradoxe Eindruck des Augenblicks in Zeitverzögerung. Die Künstlerin Ruth Biller lebt und arbeitet in Berlin.

Zur Website der Künstlerin >>

„Im Bann der Linie“ mit Hildegard Esslinger, Jürgen Kottsieper, Jochen Schneider und Astrid Schröder


Ausstellung vom 30.8.2013 – 13.10.2013                   

Sehr geehrte Damen und Herren!
Stellen Sie sich vor:
Eine große weiße, fast leere Tafel, nur, ganz einfach, eine Linie darauf, aus drei feingezogenen Linien bestehend, ein fast leeres Bild. Und eben dieses fast leere Bild hat großes Aufsehen unter Kunstfreunden erregt. Ja, es wurde berühmter als die meisten anderen Kunstwerke. Eine Arbeit der Minimal Art oder des Purismus? Sicher doch eine Arbeit der Moderne.
Nun, die Geschichte jenes Kunstwerkes ist keine Arbeit der Moderne. Die Beschränkung auf die Linie, auf das Minimale, ist keine Erfindung von heute. Wir finden die Geschichte in den Aufzeichnungen von Plinius, dem Älteren. Er schrieb sie im 1. Jahrhundert nach Chr. Geburt. Sie spielt  im ausgehenden vierten vorchristlichen Jahrhundert und handelt von zwei griechischen Malern, Apelles und Protogenes,  es ist eine weit über 2000 Jahre alte Geschichte.
Apelles und Protogenes waren die bedeutendsten Maler ihrer Zeit. Apelles - er lebte auf Kos - will den Malerkollegen und Rivalen unbedingt einmal kennen lernen und macht sich auf nach Rhodos, wo Protogenes lebt.  Bei ihm angekommen, findet er nur die leere Werkstatt vor. Er schaut sich um, sieht eine zum Malen vorbereitete weiße Tafel, darunter Malutensilien. Da greift Apelles zu einem Pinsel und zieht eine Linie auf dem vorbereiteten weißen Bildgrund - und geht wieder. Protogenes kommt nach Hause, sieht die Linie und schlagartig weiß er, nur Apelles kann der Urheber einer solch feinen Linie sein. Er hat die Hand des Künstlers gesehen, die Spur seiner Bewegung. Eigentlich  wäre es nun üblich, dem Kollegen Ehrerbietung zu erweisen, doch er greift selbst zum Pinsel und setzt in einer anderen Farbe eine noch feinere Linienspur innerhalb der Linie. Apelles wiederholt seinen Besuch, wieder ist die Werkstatt leer. Sofort fällt sein Blick auf die Tafel und auf die zweite Linie. Das ist die Herausforderung! Er setzt eine noch zartere Linie dazwischen. Nun geht nichts mehr! Ergebnis: Protogenes sieht sich geschlagen. Er beschließt mit Apelles, die Tafel als Kunstwerk genau so zu belassen.
Plinius berichtet, das fast leere Bild sei berühmter als alle anderen Kunstwerke ihrer Zeit gewesen. Ich zitiere aus der Historia Naturalis, XXXV Buch: „und war berühmter als jedes andere Meisterwerk in Cäsars Haus auf dem palatinischen Hügel, wo es, wie ich vernehme, mit dem ersten Brand vernichtet wurde.“


Es ging um eine einfache Linie! Sie sehen, wie komplex das Thema Linie so sein kann.
In der Natur taucht die reine Linie nicht auf, doch ist - unser Alltag, unser Denken, unsere Orientierung, unser ganzes Leben linear bestimmt, denken wir nur an das Gehen, das Lesen und das Schreiben. Auch gedanklich ist die Linie existent. Ohne Linie und Linearität ist die Wissenschaft nicht denkbar. Und dennoch repräsentiert die Linie ein Konzept der sichtbaren Welt.

In der Kunst ist die Linie gegenwärtig, sichtbar, sie ist materiell. Sie zeigt Wege und Richtungen auf, und sie stellt Formen dar.
Naturgemäß bewegt sich der Künstler auf formalem Gebiet. Doch vor dem formalen Beginn, vor dem ersten Strich, liegt eine Vorgeschichte. Das betont Paul Klee in seinen Beiträgen zur bildnerischen Formlehre, damit  nicht die Vorstellung entstünde, dass ein Werk nur aus Form bestehe. Die bildnerische Form beginnt beim Punkt, der sich in Bewegung setzt. Kurz nach dem Ansetzen des Stiftes entsteht eine Linie. Die reine Linie ist Keimzelle der Zeichnung. Sie ist das formale Grundelement der bildenden Kunst.

Im Bann der Linie – das sind ganz individuelle Auseinandersetzungen mit der Linie in der zeitgenössischen Kunst. Mit den hier präsentierten Arbeiten von Hildegard Esslinger (Jg. 39), Jürgen Kottsieper (Jg. 54), Jochen Schneider (Jg. 76) und Astrid Schröder (Jg. 62) werden vier Positionen dreier Künstlergenerationen zusammengeführt.

Den unteren Stock bespielen Jochen Schneider und Astrid Schröder.

Die Arbeit von Astrid Schröder beschränkt sich einzig auf die Linie und das Lineare. Bei ihren farbigen Arbeiten ist ihr Instrumentarium das Lineal, die Farbe, der Pinsel.
Astrid Schröder zeichnet auf vorgrundierter Leinwand. Zunächst legt sie eine Farbe fest. Sie setzt ihr Lineal am Bildrand an und zieht mit dem Pinsel ihre Bahn, immer von oben nach unten. Pinselstrich für Pinselstrich reiht sie Linie für Linie aneinander. Immer wieder muss der Pinsel in Farbe getaucht werden. Je nach der Menge der Farbe, die der Pinsel aufnimmt, ist die Farbspur mehr und auch weniger gesättigt. Eine Farbspur verläuft und endet neben der anderen, Zeilen entstehen, Zeilenbilder. Auf die gleiche Weise trägt sie weitere Schichten Farbe darüber auf, jeweils mit einer helleren Farbe. Keine Linie ist wie die andere, eine auf- und abtauchende Bewegung. Energetische Felder erfahren mit feinsten Abstufungen der Farbe eine Modulation und eine Rhythmisierung.
Bei anderen Arbeiten versetzt sie spontan die Ansatzpunkte ihrer Linie, sie spricht davon, dass Teile im Bild aus dem Tritt geraten sind, aber immer wieder zurück in eine Ordnung finden. Größte Bewegung und Dynamik geraten ins Spiel. Und wir können uns versenken in ihre flirrenden Arbeiten, können eintauchen in die Farbwelten, die zu vibrieren scheinen und uns in ihre Strömung mitnehmen:  Klangwelten, Farbklänge, Wasserspiele, Kaskaden, Orgeln, im Wind bewegte Kornfelder, Horizonte, das Meer...
Sie, die Betrachter, werden Ihre jeweils eigene Assoziation finden.
Astrid Schröder, die vielfache Preisträgerin, kommt von der gestischen Malerei her. Obwohl ihr Professor an der Münchener Akademie, Jürgen Reipka, mit großer Gestik arbeitet und bewusst auf Ruhepunkte verzichtet, diszipliniert sich Astrid Schröder, seine Meisterschülerin, ganz im Gegensatz dazu zur „kleinen Geste“ und zur Ruhe. Völlig entschleunigt, im immer selben Rhythmus und derselben Zeiteinheit lässt sie ihre Bilder entstehen. Ihre einzige Vorgabe ist ihr lineares Raster. Das gibt eine Ordnung vor, innerhalb welcher sie in konsequenter, minimalistischer Selbstbeschränkung ihre ganz individuelle Spur zieht. Der Faktor Zeit, die vierte Dimension in der Kunst, spielt hier mit. Ihre Arbeit ist zeitlich messbar, denn sie entsteht in immer derselben Bewegung, demselben Rhythmus, in stets wiederkehrender Kontemplation versinkend. Astrid Schröder lässt sich ein auf diese meditative Arbeit - man könnte sie mit Exerzitien vergleichen - und sie weiß, wann das begonnene Werk zu seinem Ende kommt. Sie hat ihr Zeitmaß gefunden und führt ihre Arbeit in aller Stille aus.
Um noch einmal auf Apelles zu verweisen: Von Apelles hieß es, er übte Zeit seines Lebens an der Verfeinerung seiner Linie.

Im spannenden Dialog zu Astrid Schröder stehen die Arbeiten von Jochen Schneider, vorwiegend Graphit auf Papier. Sie muten abstrakt an, denn kein Motiv ist erkennbar. Es scheint aus ihnen verbannt. Und doch: Sie haben in der Regel einen gegenständlichen Ausgangspunkt. Jochen  Schneider sagt: „Gesehenes, Erlebtes, Erfahrenes, Gehörtes und auch Gelesenes geben den Anstoß zu meinen Zeichnungen. Es sind nicht irgendwelche beliebigen Dinge, sondern Dinge, die sich mir einprägen, die mich auf eine gewisse Art und Weise berühren“. Sie sind die Impulsgeber, die in seinen Arbeiten jedoch nicht mehr gegenständlich erscheinen und für uns nicht mehr erkennbar sind. Ihre Entstehung ist verschleiert. Sie sind einem Verwandlungsprozess unterzogen, gefiltert, konzentriert und reduziert auf das Wesentliche. Der reale Anlass, der Gedanke, bleibt nur für den Künstler sichtbar. Für Sie, den Betrachter, sind seine Arbeiten sinnlich erfahrbar, offen für die jeweils eigene Interpretation. 
Es gibt jedoch auch andere Zeichnungen, in ihnen ist selbst der Ausgangspunkt nicht mehr gegenständlich. Da ist einfach nur Setzung von Punkt und Linie. Zunächst ungesteuert, treibt Jochen Schneider die Linie impulsiv voran, lässt sie anschwellen, wieder abschwellen, sich öffnen und verschließen. Heftig rhythmisierte, gegenläufige Liniengeflechte entstehen, bündeln sich zu verdichteten Strukturen, erzeugen lockere Kraftfelder. Stimmung und Emotion drückt er unmittelbar über die Zeichenspur aus. Gedanken, Gefühle und Formensprache begegnen sich und wecken  Assoziationen zur realen, sichtbaren Welt. Er sagt: „Mit jedem Motiv versuche ich, ein neues Gleichgewicht aus gegensätzlichen Elementen auszuloten. Feine Liniennetze korrespondieren mit kompakten Flächen. Dunklere Flächen liegen wie lichte Schatten über skizzenhaften Umrissen, die dennoch Grenzen markieren, während die Flächen vergleichsweise frei zu fließen scheinen“.  Jochen Schneider erreicht mit dem Bleistift Differenzierungen von einfachen Strichen bis hin zu metallisch schimmernden Flächen. Durch Überlagerungen und verstärkte Graphitsetzungen  evoziert er Raumtiefe. Er verschmilzt die inneren Bildwelten mit der äußeren, sichtbaren Welt zu einer neuen Synthese. Dadurch dokumentieren seine Zeichnungen höchst Privates, ja Intimes.
Jochen Schneider, der Meisterschüler von Paco Knöller an der Hochschule der Künste in Bremen, ist der jüngste unter den Ausstellenden und er präsentiert hier bereits ein Werk, das durch Steigerung der formalen Reduktion und Verdichtung seiner Bildsprache geschlossen und konsequent wirkt.


Jürgen Kottsieper ist ebenfalls Meisterschüler. Er studierte an der Kunstakademie Münster bei Udo Scheel und erhielt 2001 den Albert Struwe Preis für Zeichnung.
Er zeichnet mit Bleistift aus der Hand mit einer kaum zu überbietenden Sicherheit und Präzision. Manfred Schneckenburger, der zweifache künstlerische Leiter der Dokumenta, nannte ihn den „Purist des Striches“. Zeichenstift und Papier - sind sein einziges Werkzeug. Darin zeigt sich auch bei ihm eine äußerste Reduktion der Mittel. Seine Arbeiten sind ortsbezogen. Er thematisiert mit ihnen seine Beziehung zu erlebten Orten. Er benützt keine Fotos, er erkundet deren jeweilige Energie eines Ortes und speichert alle Eindrücke im Kopf. Die stets großformatige Zeichnung entsteht später aus der Distanz, in aller Ruhe. Wenn er zu zeichnen beginnt, liegen gespitzte Bleistifte unterschiedlicher Härtegrade vor ihm. Mit einer dünnen Linie markiert er, im Abstand zur Papierkante, seinen Aktionsraum. Dann beginnt er. Zunächst setzt er seine Spur, ein Grobgerüst, abstrakte, meist gerade Linien. Linie folgt auf Linie, jede Antwort auf die vorhergehende. Er setzt sie, dem eigenen Rhythmus folgend, in den Raum, sicher und sensibel. Er tastet sich weiter vor, lässt die Linien sich überschneiden und verlagern, doch jede Linie bleibt sichtbar, auch wenn er danach verdichtet. Dies geschieht stets ohne ein Zudecken des Gewesenen. Radieren gibt es nicht.
Aus der Verdichtung und Bündelung der Linien schälen sich subtile Formen heraus. Was Jürgen Kottsieper an visuellen Eindrücken aufgenommen hat, fließt nun in seine Formfindungen ein. So nehmen seine Gebilde gegenständliche Formen an. Sie scheinen von einer unglaublichen Leichtigkeit bodenlos im Raum zu schweben und suggerieren eine Befindlichkeit, die an einen Seiltänzer ohne Netz erinnert.
Der Prozess der Entstehung geht oft über Wochen. Dazu Kottsieper: „Erst wenn ich durch das Herauskristallisieren von Bildvorstellungen andere Möglichkeiten blockieren könnte, muss ich aufhören. In dem Moment ist ein Maximum an Möglichkeiten, ein Maximum an Komplexität erreicht“. Also nicht die vollständige Wiedergabe des Ortes, die Vollständigkeit der Zeichnung entscheidet. Dann ist die Arbeit fertig.
Jürgen Kottsieper ist seit 2009 künstlerisch-technischer Lehrer und Werkstattleiter der Radierwerkstatt an der Kunstakademie Münster. Neben den Zeichnungen sehen wir von  ihm auch seine Kaltnadelradierungen. Hier entscheidet nicht der sensible Duktus des Bleistiftes, sondern die spitze Radiernadel, die sich in die Metallplatte gräbt. Jeder Strich hier, noch mehr als bei der Zeichnung, eine Entscheidung. Eine Fehlentscheidung, das Bild wäre zerstört. Das muss man aushalten können. Jürgen Kottsieper kann das!
Den Raum gegenüber bespielt Hildegard Esslinger.
Die Linie ist das Thema ihres gesamten künstlerischen Schaffens, sie ist auch ihr Darstellungsmittel. Nicht nur zeichnerisch, auch malerisch hat sie sich allen Ausformungen der Linie verschrieben, sie postuliert, konsequent und kompromisslos, die Autonomie der Linie. Im Abstraktionsgrad geht sie dabei weit über ihren Lehrer an der Stuttgarter Akademie, K.R.H. Sonderborg, hinaus. Für sie sind Linien überall. Sie schwirren überall herum, kommen von irgendwo, ziehen nach irgendwo. Sie sagt: „Ich fange sie ein und biete ihnen in meinen Bildern einen Aktionsraum, der sich auch auf den Asphaltraum ausdehnen kann.“ 
Zunächst zu ihren Bildern. Ihre Leinwandbilder sind immer bestimmt von Linien, Linien, die sich parallel im Verband ausbreiten, manchmal im Linienbündel oder als verlaufende Farbbänder. Sie verlaufen auf - und absteigend, sie können auch abstürzen, auch über Stufen hinweg, entgegen jeder zunächst vorstellbaren Richtung. Sie können abrupt abbrechen, untertauchen, um an einer anderen Stelle versetzt wieder aufzutauchen und dabei ganz ungewohnte Raumkonstellationen erzeugen. Sie lassen sich nicht auf einen begrenzten Bildgrund einengen  und enden auch nicht am Bildrand. Hildegard Esslinger sprengt alle Grenzen. Ihre Linien gehen auf die Reise in einen Bereich ungeahnter und unbegrenzter Möglichkeiten. Wir sehen in dieser Ausstellung erstmals Zelte, die aus diesen Leinwandbildern entstanden sind.

Seit über 10 Jahren arbeitet sie an der Serie der Ölzeichnungen. Hier verbindet sie in provozierender Einfachheit Farbfeld und Linie, Malerei und Zeichnung. Und sie evoziert in diesen Ölzeichnungen eine dritte Dimension, wenn sie in die noch feuchte Ölfarbe ihre Linien eingräbt.
Vor fast 20 Jahren schon hat sich ihr Aktionsfeld auf den Außenraum, ihren Asphaltraum, ausgedehnt. Davon zeugen die Fotoarbeiten, die wir hier sehen, ihre Asphaltzeichnungen, in immer wieder neuen Variationen. Hildegard Esslinger ist fasziniert vom Asphalt. Sie entdeckt Zeichen, Risse, Markierungen auf dem Asphalt, Spuren, die sie herausfordern zu einer spielerischen Umwertung. Sie formt mit Kreide nach, ergänzt, spiegelt, gibt den Zeichen neue Zusammenhänge. Sie sucht und findet immer wieder ganz Neues und lässt gänzlich Überraschendes daraus entstehen. Das abschließend gemachte Foto dokumentiert den Eingriff, der nach einem Regenguss bereits nicht mehr sichtbar ist.
Ihre Zeichenaktionen im öffentlichen Raum sind außergewöhnlich und herausragend in ihrem Werk. Sie ermöglichen uns eine neue, unerwartete Sicht auf Dinge, die zuvor nicht wahrnehmbar waren. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder. Kunst macht sichtbar“.

Dem bekannten Ausspruch von Paul Klee sei im Bezug auf die eindrucksvolle Präsentation dieser Ausstellung noch ein weiteres Zitat von ihm hinzugefügt:
„Man kann jede Linie als Weg eines Menschen denken.“ Spannend für den Betrachter, der sich darauf einlässt, der sich von der scheinbar so banalen Form der Linie in ihren Bann ziehen lässt: Er hat eine interessante Wanderung vor sich.

Lassen Sie sich nun vom Werk der Künstlerinnen und Künstler verführen, ich lade Sie ein auf eine Entdeckungsreise in die Welt der Linie. Ich wünsche Ihnen dabei viel Vergnügen und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

© Trude Kränzl



PAPIER UND STEIN

Raimund Buck – Objekte, Joachim Schweikart – Skulpturen

Eröffnung der Ausstellung im Kunstverein Radolfzell, Villa Bosch, 8. März 2013

Papier und Stein – diese beiden Materialien wecken unweigerlich eine Vielzahl von Assoziationen: Leicht und schwer, flächig und plastisch, fragil und wuchtig, vergänglich und ewig. Gemeinsam ist beiden, daß sie zu den ältesten Materialien in der Kulturgeschichte der Menschheit gehören. Seit Jahrtausenden sind sie die bevorzugten Medien elementarer schöpferischer Tätigkeit. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Papier und Stein aus ihrer bislang dienenden Funktion als Bildträger und als Mittel figurativer Darstellung befreit und gewannen ihre Eigenwertigkeit aus dem Material und im Ausdruck; so beispielsweise in den Collagen der Kubisten und Dadaisten oder den abstrakten Plastiken von Picasso, Arp und Brancusi. Auch und gerade in der Kunst der Gegenwart bieten Papier und Stein noch immer große gestalterische Herausforderungen. Die Aktualität und Wertschätzung der traditionsreichen Werkstoffe in der zeitgenössischen Kunst vermittelt diese Ausstellung.

Mit Raimund Buck und Joachim Schweikart präsentiert der Kunstverein zwei Künstler, die aus der Region stammen, in Radolfzell ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt haben bzw. hatten, die miteinander befreundet waren und gegenseitig ihre Arbeiten sehr schätzen.

Zunächst möchte ich Ihnen den Bildhauer Joachim Schweikart vorstellen. Geboren 1958 in Singen, erhielt Schweikart seine handwerklich-künstlerische Ausbildung 1979 zunächst durch eine Lehre als Steinmetz. Im Anschluss daran schuf er ab 1980 erste eigene Skulpturen. Der intensive Austausch mit Bildhauern wie Herbert Baumann in Stuttgart und Erich Hauser in Rottweil sowie die Beschäftigung mit Protagonisten der abstrakten Plastik des 20. Jahrhunderts wie Hans Arp, Constantin Brancusi und Henry Moore lieferte wichtige Impulse für die weitere Entwicklung. Seit Mitte der 80er Jahre ist Schweikart mit zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen sowie mit monumentalen Werken für den öffentlichen Raum im Bewusstsein des Publikums präsent. Zu den beliebten und vielbeachteten Kunstevents in unserer Region gehören seit über 10 Jahren Schweikarts ambitionierte Gruppenausstellungen „Über´m Atelier“, in denen der Künstler in seinen Atelierräumen in Böhringen den regen Dialog mit anderen Kunstschaffenden aus dem Südwesten sucht. Von Beginn an waren dabei auch stets die Werke von Raimund Buck zu sehen.

Der Arbeitsprozess und die Auseinandersetzung mit dem Stein besitzen für Joachim Schweikart zentrale Bedeutung: „Mein Ding ist das Wegschlagen, das Befreiende“, erklärt er. „Der Schöpfungsakt einer Skulptur ist immer auch die Suche nach meinem ästhetischen Gestaltungsideal“. Mit Hilfe von Hammer und Meißel schält Schweikart aus dem Block die gesuchte, erfühlte, erdachte Form heraus. Dabei entstehen vorwiegend ungegenständliche Skulpturen, in denen der Künstler mit einer strengen und klaren Ästhetik auf die Kraft der reinen, elementaren Form vertraut. Zu den bevorzugten Steinsorten zählen dabei der edle Marmor, der dunkle Olivin-Diabas und der eher raue Kalkstein.

In den Arbeiten begegnen uns Formschöpfungen, die ihren besonderen Reiz aus der Wechselwirkung zwischen strenger Abstraktion und Anklängen an die menschliche Figur gewinnen. Denn in Aufbau und Gliederung der Massen schwingen stets Erinnerungen an den menschlichen Körper mit. Mit souveränem Materialgefühl lässt Schweikart organisch anmutende Formen entstehen, deren Ausdruck durch schlichte Eleganz und harmonische Ästhetik bestimmt ist. Die Umrisse und Wölbungen, die Streckungen und Dehnungen, die sanften Rundungen und schwellenden Volumen, die harten Verkantungen und fliessenden Übergänge, folgen einem subtilen Empfinden für die Bedingungen des Steins. Durch extreme Reduktion auf das Einfache und Wesentliche verdichtet Schweikart die Form zu überzeugenden, ja zwingenden Lösungen mit zeichenhafter Wirkung.

Seine Werke sind erfüllt von kraftvoller Bewegung und sinnlicher Vitalität. Die Skulpturen erscheinen wie lebendige Organismen. Tänzerisch oder still ruhend, leicht und grazil oder massig und kompakt, schlank oder wuchtig und robust, erzählen die Werke vom Willen des Künstlers nach Transformation des Steins in eigenständige Ausdrucksformen, die das Allgemeingültige und Dauerhafte betonen. Die häufige Glättung der gespannten Oberflächen erzeugt mit Reflexen und Schattierungen zusätzliche Effekte. Darin verbindet sich die reale Härte des Materials mit der suggestiven Weichheit der amorphen Form zu einer neuen Einheit. Auch lässt Schweikart in einigen Arbeiten roh behauene und sorgfältig ausgeführte Texturen jäh aufeinander treffen. Unser Auge vermag dann das Herauswachsen des Vollendeten aus dem noch Unfertigen, den Moment der Formwerdung unmittelbar zu begreifen.

Dass Schweikart immer wieder die Rückbindung an die menschliche Figur sucht, zeigt sein geradezu klassisch anmutender Frauenakt „Torso“ von 2013. Dabei lässt die spröde, offenporige Oberfläche des Tengener Muschelkalks die Skulptur gleichsam verwittert erscheinen und erinnert an antike Statuen.

Begleitet wird das bilhauerische Schaffen von der Beschäftigung mit dem Medium der Zeichnung. Ausgeführt mit Wachskreide und angefallenem Stein- und Eisenstaub reflektieren die Zeichnungen das Formenrepertoire der Skulpturen und dienen dem Künstler vorrangig als Entwurfsmaterial. Die mit raschem, skizzenhaftem Duktus auf das Papier gebannten plastischen Gebilde dienen dem Prozess der Formfindung und zugleich dem Ausloten von Möglichkeiten und Grenzen bei der Bearbeitung des Steins.

Geht es in den Skulpturen von Joachim Schweikart um die Verdichtung der Form zu kompakt geschlossenen Volumina, so prägt in den Papierarbeiten von Raimund Buck die Auflösung der Form zu kleinteilig-offenen Strukturen den Ausdruck der Werke. Geboren 1949 in Konstanz, absolvierte Buck eine Lehre als Bauzeichner und Gebrauchsgrafiker, an die sich von 1970 bis 1974 das Studium im Bauwesen an der Fachhochschule in Konstanz anschloss. Seit 1975 lebte Buck in Radolfzell. Neben den Beruf des Bauingenieurs trat im Verlauf der Jahre der zunehmende Drang zum künstlerischen Schaffen. Zeichenkurse in der Architekturklasse der FH, Malstudien bei Hans Sauerbruch und die intensive Beschäftigung mit Kunst- und Baugeschichte begleiteten Bucks Werdegang seit den späten 70er Jahren. In einem mutigen und letztlich folgerichtigen Schritt beendete er 1999 seine Ingenieurstätigkeit, um sich fortan ganz der Kunst zu widmen. Eine beeindruckende Fülle von Einzel- und Gruppen-ausstellungen in Deutschland, der Schweiz und Österreich machten seit den frühen 90er Jahren sein Schaffen bekannt. Im November letzten Jahres ist Raimund Buck nach schwerer Krankheit gestorben.

Mit bemerkenswerter Konsequenz, großer Schaffenslust und unbändiger Experimentierfreude trieb er seit den 80er Jahren sein künstlerisches Wirken voran und hat so ein umfangreiches Werk hervorgebracht, das sich im weiten Spannungsfeld zwischen Malerei, Grafik und Skulptur entfaltet. Sein ideales Ausdrucksmedium fand Buck 2001 im Werkstoff des Transparentpapiers. Dieses pergamentartige Zeichenpapier bearbeitete er auf radikale Weise: er traktierte es durch Feuer und Reissen. Die durch den Vorgang des Zerreissens entstandenen Bänder, Fetzen und Bahnen werden der offenen Flamme ausgesetzt, in deren Folge sich Blasen aufwerfen, sich das Papier versteift und verformt und schließlich rußige Brandspuren bildet. So entlockte Buck dem Material gänzlich neue, ungeahnte Wirkungsmöglichkeiten. Im Mittelpunkt seiner Intentionen stand fortan das Erkunden von Strukturen des Materials und dessen freie, ebenso konstruktive wie expressive Entfaltung zwischen Fläche, Volumen und Raum.

Ein Teil der hier gezeigten Arbeiten wurde von Raimund Buck eigens für diese Ausstellung in den Räumen der Villa Bosch konzipiert. Bis kurz vor seinem Tod war er schöpferisch tätig und arbeitete unermüdlich an diesen Werken. Nicht bei allen gelang ihm die Fertigstellung, so daß einige Werke unvollendet blieben. Gerade diese unvollendeten Arbeiten jedoch, wie etwa die große Vorhang-Installation „Raumgitter“ im mittleren Raum des OG, erlauben wunderbare Einblicke in den aufwendigen Entstehungsprozess der komplexen Strukturgebilde. Die Exponate umspannen die Schaffensjahre von 2005 bis 2012 und verdeutlichen in ihrer Vielfalt, mit welch sensiblem Gespür Raimund Buck die Möglichkeiten und Grenzen des Materials immer wieder aufs Neue auszuloten vermochte. Und so begegnen uns abstrakte Wand- und Hängeobjekte, hochaufragende Plastiken und freihängende, luftige Kugelgebilde, raumgreifende Installationen, kraftvolle Reliefs und grazile Phantasiegeschöpfe. Deren Wirkung entfaltet sich stets zwischen zarter Leichtigkeit und lebhafter Dynamik, schwebender Transparenz und sinnlicher Anmut.

Als Motor seines Schaffens nannte Buck das „Ergründen von ornamentalen und linearen Strukturen“. Lamellenartige Schichtungen und facettenreiche Überlagerungen, rhythmische Durchdringungen und filigrane Verflechtungen prägen das Gestaltungsprinzip. Im Spannungsgefüge zwischen Destruktion und Konstruktion, also Zerstörung und Neumontage, Chaos und Ordnung des Papiers bewegen sich die gleichermaßen streng-geometrischen wie verspielt-surrealen Werkschöpfungen. Es ging Buck immer darum, das Medium Papier aus seiner traditionellen Zweidimensionalität zu befreien und es als autonome Ausdrucksform aktiv in den Raum hinein zu entwickeln. Ein additiver Aufbau von innen heraus kennzeichnet die Arbeitsmethode; wie ein Bildhauer, der Tonmasse anträgt, modelliert Buck das Papier, um zur endgültigen plastischen Form zu gelangen. Durch das Einarbeiten farbiger Pigmente trägt er zusätzlich intensive Farbkontraste in Aussage und Wirkung seiner Objekte. Sichtbar wird darin nicht zuletzt der Maler hinter dem Papierarrangeur. Dabei achtete Buck darauf, den ursprünglichen Charakter des Pergamentpapiers nicht zu verfälschen, sondern vielmehr dessen besonderen Eigenwert zu steigern. Er selbst sprach bei seinen Arbeiten von einer „Magie des Materials“, einem „Reiz des Morbiden“ und einer „Ästhetik des Zerfalls“ – allesamt Momente, die seinen Objekten ihren hohen ästhetischen Reiz und ihre außergewöhnliche Aura verleihen. Im Umgang mit der Verletzlichkeit und Vergänglichkeit des Papiers sah Buck eine Möglichkeit, um – wie er es nannte – „Vergehn, Werden und neues Sein aus des Feuers Brand“ erfahrbar zu machen.

Seine Werke wirken vieldeutig und rätselhaft, bisweilen skurril und surreal, immer aber sind sie an den Strukturen der Natur orientiert. Manches erinnert an Moose, Flechten oder Blüten, an Unterwassergewächse oder Zellwaben. Die Exponate vermitteln Bucks Entwicklung der letzten 8 Jahre: Arbeiten mit Titeln wie „Strukturschichtung“ oder die Serie „Chrysanthemum“ von 2005 und 2008 sind wie organische Reliefs aufgebaut, zeigen sich aber noch eher dem Flächigen verhaftet. In den neueren Arbeiten erweiterte Buck das Papier zielgerichtet und mit dynamischer Geste in den Raum hinein. Vor allem in den großen Hängeobjekten wie auch in den konkav und konvex verdrehten „Strukturschilden“ suchte er die Interaktion von plastischer Form und Umraum, aber auch von Farbe und Licht. Ohne inhaltliche oder erzählerische Intentionen bestechen die Werke hauptsächlich durch ihre starke körperhafte Präsenz, durch die faszinierende, vielfach poetische Eigensprache des Materials.

In den freistehenden Skulpturen schlägt Buck andere Töne an. Mit assoziationsreichen Titeln wie „Die Eitle“, „Die Hüterin“ oder „Die Prächtige“ verleiht er diesen Arbeiten bestimmte Charaktereigenschaften und personifiziert das Papier regelrecht. Tänzerisch bewegt oder statisch ruhend, elegant aufstrebend oder massig liegend, erfährt das Material unter den Händen des Künstlers erstaunliche Metamorphosen und transformiert sich in völlig eigenständige Ausdrucksgebilde.

Raffinierte und höchst eigenwillige Objekte schuf Buck mit Arbeiten wie den Hängeplastiken „Kleines Unikum“, „Skurril, fischig“ oder „Oval, Kopfig“. Diese Arbeiten, die beim geringsten Lufthauch in Bewegung geraten, erscheinen wie archaische Artefakte und verdeutlichen Bucks unbeschwerte Experimentierfreude beim Umgang mit dem Papier.

So unterschiedlich, ja gegensätzlich die Materialien beider Künstler auch sind – was beide in ihrem Ansatz vereint, ist der einfühlsame Umgang mit ihren Werkstoffen und das ausdrucksstarke Sichtbarmachen der spezifischen Eigenschaften. Mit hoher Konzentration, aber auch mit fast spielerischer Leichtigkeit entlocken beide Künstler ihren alten, geschichtsträchtigen und scheinbar so vertrauten Materialien kühne, überraschende und innovative Formlösungen. Beide verbindet das virtuose Agieren mit dem Material, dem sie gleichsam zeitlose Ausdrucksweisen entlocken. Und schließlich eint das primäre Interesse an der spannungsreichen Durchdringung und Verschränkung von Fläche, Volumen und Raum die hier vorgestellten künstlerischen Positionen.

Mit den Papierarbeiten von Raimund Buck und den Steinskulpturen von Joachim Schweikart eröffnet diese Ausstellung einen – wie ich meine – vor allem sinnlich ansprechenden Dialog der Materialien.

 

© Dr. Andreas Gabelmann

Kunsthistoriker, Radolfzell

 

„Menschenbilder” – Ingrid Eberspächer und Marcella Lassen,
Papierschnitte und Malerei


Vernissage im Kunstverein Radolfzell, 14. Juli 2012

Meine sehr verehrten Damen und Herren, geschätzte Kunstfreunde.

Das Abbild des Menschen gehört zu den ältesten Darstellungsformen in der Kunst- und Kulturgeschichte. Über alle Epochen hinweg haben Künstler ihre Mitmenschen und ihr gesellschaftliches Umfeld, sei es im Porträt oder in figürlichen Szenen, zum Gegenstand von Bildschöpfungen gemacht. Immer ist das Menschenbild unmittelbarer Ausdruck der jeweiligen historischen und sozialen Bedingungen. Und immer ist dabei aufschlussreich, in welcher Stilsprache, mit welchen Ausdrucksmitteln und inhaltlichen Intentionen, der Mensch ins Bild gesetzt wird. War der Mensch im Altertum und in der frühen Neuzeit vorrangig an herrschende Gesellschaftshierarchien gebunden, so entwickelte sich mit dem Aufkommen des Bürgertums ab dem 18. Jahrhundert zunehmend eine freiere, stärker differenzierte und auch individualisierte Vorstellung vom Menschen. Auch die Künstler der heutigen Zeit haben den Menschen nicht aus den Augen verloren. Auch und gerade in der zeitgenössischen Kunst spielt seine Darstellung im Spannungsfeld zwischen Gesellschaft und Zeitgeist, Kultur und Politik, Medien und Wirtschaft, weiterhin eine wichtige Rolle.

Mit Ingrid Eberspächer und Marcella Lassen stellt der Kunstverein zwei Künstlerinnen vor, in deren Schaffen das Bild des Menschen in unterschiedlichsten Kontexten, Situationen und Befindlichkeiten eine zentrale Position einnimmt. Für diese Thematik wählen die Künstlerinnen  ganz verschiedenartige bildnerische Medien – den Papierschnitt und die Malerei. So eröffnet sich dem Betrachter ein reizvoller, vielschichtiger Dialog zwischen den harten Schwarz-Weiss-Kontrasten und leuchtenden Farbwerten, zwischen abstrahierender Reduktion und präzisem Realismus.

Das Schaffen von Ingrid Eberspächer entfaltet sich in den Werkbereichen Papierschnitt, Malbuch und Filmspule. Im Mittelpunkt steht der Papier- oder präziser gesagt der Messerschnitt, eine der traditionsreichsten Bildtechniken, die vorrangig als klassischer Scherenschnitt auf dem Gebiet der Volkskunst anzutreffen ist. Eberspächer nun reaktiviert in ihren Kompositionen dieses Bildmedium, entkleidet es mit kraftvollem Ausdruckswillen und raffinierter Schnitttechnik jeglichem kunstgewerblichem Habitus oder dekorativer Gefälligkeit und steigert es zu einer ganz eigenständigen Aussageform. Die enorme Virtuosität im subtilen Umgang mit dem Schneidemesser erlaubt ihr das variable Arbeiten auf großen Formaten.

„Abwarten, was passiert“ beschreibt Eberspächer den intuitiven Entstehungsprozess ihrer Werke, und erklärt: „An der Technik des Messerschnittes reizt mich die Unmittelbarkeit. Ich schneide gewöhnlich drauf los und versuche das, was beim Schneiden passiert, in das entstehende Bild zu integrieren. Darin besteht das Abenteuer.“ Es ist das Unerwartete und Rätselhafte, das Vieldeutige und Phantasievolle, das als wesentliche Komponenten ihre figuren- und handlungsreichen Bildwelten prägt.

Mit dem Messer aus Tonpapier oder schwarzer Lackfolie geschnitten oder gestanzt, entwickelt Eberspächer komplexe Bilderzählungen, die dem Betrachter bedeutungsvolle Wahrnehmungsebenen eröffnen. Wir sehen Einzelpersonen, Gruppenbildnisse oder ganze Gesellschaftspanoramen in stilisierten Innen- und Außenräumen, die eine gleichermaßen gegenständlich-plakative wie auch zeichenhaft-abstrahierte Wirkung entfalten. Eingestreute Schriftzeilen und kurze Textbotschaften laden das Gezeigte zusätzlich mit inhaltlicher Symbolik auf. Die Inspiration dazu empfängt die Künstlerin aus Nachrichtenmeldungen, Hörfunksendungen oder Literaturpassagen. Oftmals geht es um Fragen nach dem Dasein des Menschen in der Welt. Die Textfragmente kombiniert Eberspächer assoziationsreich und ausgesprochen experimentierfreudig, ja gleichsam spielerisch, mit der strengen, auf reine Hell-Dunkel-Werte beschränkten Ästhetik des Messerschnittes, so daß sich der markante Eindruck eines Holzschnittes ergibt. „Ich kombiniere Text und Bild, bis ein Moment der Stimmigkeit auftaucht, der Faszination, Ironie, des Rätsels und des Humors. Wenn Text und Bild eine ungewöhnliche Kombination eingehen, ergibt sich Neues, Ungesehenes, Uneindeutiges.“ Grüblerisch, hintersinnig und mitunter humoristisch gesinnt, gerne auch mit ironischen Brechungen und absurden Wendungen, verarbeitet Eberspächer Aspekte von Alltagsbeobachtungen, von Gehörtem oder Gelesenem, von Selbsterdachtem sowie Irreales und Irritierendes zu einem facettenreichen, weitläufigen Bilder- und Gedankenkosmos, der gleichermaßen surreal wie auch poetisch anmutet.

Die ausgeprägte Vorliebe für das Erzählerische, ihre große Fabulierlust, äußert sich besonders eindrucksvoll in den Bilder- oder Malbüchern und den sogenannten Filmkästen. In den illustrierten Buchobjekten entwirft sie farbintensive, opulente Bildergeschichten, durchdrungen von grotesker Komik und bizarren Ideen. Momente von Traum, Vision und Unterbewusstsein wirken mit hinein. Es ist ein bildhaftes Nachdenken über Fragen des Lebens und der Kunst sowie das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und seiner Umwelt. „Mich interessiert das Leben der Menschen mit all seinen Verwicklungen und Schwierigkeiten, die Versuche der Menschen, dieses Leben auszuhalten und mehr oder weniger gelungen zu meistern“, erklärt sie die inhaltlichen Intentionen ihrer beziehungsreichen Bild- und Textcollagen.

Auch in den Filmkästen, die als Wandobjekte zum Mitmachen einladen, beschwört Eberspächer eine eigenwillige Mixtur aus realen Sujets und jenseits der sichtbaren Wirklichkeit verborgenen Vorstellungswelten. Mit Aquarellfarben und Zeichenstift lässt sie eigentümlich fremdartige Bildergeschichten lebendig werden, die sich mit einer Drehkurbel wie in einem Miniaturkino vor dem Auge des Betrachters abspielen lassen. Das Ergebnis sind dynamisch bewegte Zeichnungen mit Titeln wie „Der Feind ist überall und nirgends“, in denen das Eine fließend oder abrupt in das völlig Andere übergeht und die so entstandenen raschen Brüche und Neuansätze den Beschauer in Atem halten.

In ihren Papierschnitten, die den Schwerpunkt der Präsentation bilden, schält die Künstlerin mit scharfen Konturen Dinge, Menschen, Gebäude und Landschaften aus dem dunklen Grund, vereinfacht sie zu großflächigen Umrissformen oder verwebt sie mit filigranen Musterstrukturen, und verdichtet das Dargestellte zu allgemeingültigen Chiffren.

Der Mensch in den Verstrickungen globaler Massenkultur steht im Fokus des künstlerischen Interesses von Marcella Lassen. Mit brillanter Maltechnik und einer fotorealistisch anmutende Bildästhetik spürt sie bekannten Persönlichkeiten nach und entwirft moderne Ikonen aus der Welt der Schönen und Reichen, der Macht und des Erfolgs. Viele ihrer Protagonisten scheinen geradewegs den Hochglanzmagazinen von Film, Mode, Gesellschaft, Politik und Sport auf die Leinwand getreten zu sein. Lassen beobachtet Strategien der Selbstdarstellung des modernen Menschen. Es geht ihr um das Offenlegen von Inszenierungsmecahnismen, um das künstliche Herausbilden eines bestimmten Images, das einen bestimmten Menschen innerhalb der weltweiten Massenkultur zu einer allgemein akzeptierten Ikone werden lassen.

Ihre Inspiration bezieht Lassen aus der stetig zunehmenden Bilderflut unserer Medien. Gleichzeitig imitiert und konterkariert ihre perfekte, sachliche Malweise die glatte, kühle Oberflächenästhetik, den coolen Look und Lifestyle der zeitaktuellen Bildmedien. Sie blickt hinter die Kulissen von Glanz und Glamour und sucht zu ergründen, was ein Image ausmacht, wie es entsteht und welche Wirkungsweisen greifen.

Wesentlich ist der Künstlerin dabei der Begriff der Ikone. Ursprünglich eine heilige Person, die Gegenstand von Anbetung und Verehrung war, wandelt sich diese Vorstellung bei Lassen ins Profane und Artifizielle. Auf ihren meist großformatigen Kompositionen spürt sie Personen und Dingen nach, die heute kultischen Charakter genießen, die Vorbildfunktion besitzen oder Projektionsflächen für verschiedenste Wünsche, Ängste und Sehnsüchte bieten.

Und so setzt sie Filmschaupieler und Pop-Stars, Modedesigner, Models und Politiker, aber auch historische Persönlichkeiten und ganz normale Leute von Nebenan effektvoll in Szene. Bezugnehmend auf die klassische Ikonenmalerei zeigt sie oftmals Einzelfiguren in frontaler Ansicht, rückt nahe und bildfüllend an die Protagonisten heran. In ihren Arbeiten untersucht Lassen die Vermarktung von Identitäten in unserer multimedialen Wirklichkeit.

Formal und inhaltlich wurzelt ihre Kunst in der amerikanischen Pop-Art der 60er Jahre, mit der Lassen als gebürtige US-Amerikanerin in Kalifornien unmittelbar aufgewachsen ist. Und wie die Pop-Art-Künstler integriert sie ein seriell hergestelltes Massenprodukt in ihre Bilder: es ist der Hamburger, der als Ikone weltweiten Massenkonsums gilt, und den sie wie ein Attribut ihren Personen und deren Handlungen symbolhaft zuordnet. Nicht selten verleiht der Hamburger den Bildern auch ihre Titel, wie etwa in „The Midnight Burger“ oder „The Final Burger“. So erschafft sie beziehungsreiche Sinnbilder der westlichen Leistungsgesellschaft und wirft zugleich einen distanzierten und kritischen Blick auf das Prinzip des „Schöner, Schneller, Erfolgreicher“. Mit der Kombination des Burger-Brötchens und ihren Bilderzählungen will Lassen, wie sie sagt „die Sucht nach Aufwertung und Vermarktung des eigenen Images“ entlarven.

Auch wenn ihre Sujets wie Schnappschüsse wirken und die Malerin nach Fotografien arbeitet, sind sie doch das Ergebnis einer strengen Kompositionsstrategie und kalkulierten Bildsprache, und changieren stets zwischen Realität und Fiktion. Die Künstlerin entwickelt ihre Werke gewissermaßen parallel zur Wirklichkeit und schaltet ironische Brechungen und überraschende Wendungen mit ein.

Dazu gehört in ihren neuesten Werken das unvermittelte Aufeinandertreffen von Personen aus unterschiedlichen Epochen oder soziokulturellen Bereichen. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies im monumentalen Gemälde „Vigée Lebrun meets Lady Gaga“, in dem Lassen ein Porträt der Königin Marie Antoinette, ausgeführt von ihrer  berühmten Hofmalerin Lebrun aus dem 18. Jahrhundert, und die schrille Pop-Ikone des 21. Jahrhunderts zu einem irrealen Zwiegespräch arrangiert. Die angeschnittenen Köpfe lenken das Augenmerk auf die bedeutungsvolle Körpersprache. Vor schwarzem Hintergrund und mit intensiver Farbigkeit prallen Leitbilder unterschiedlicher Zeiten und Wertesysteme aufeinander. Es geht um Weiblichkeit und Macht, um Attraktivität und Verlockung: Marie Antoinette zeigt sich in Seide und Satin mit einer Rose, Lady Gaga greift zu weniger subtilen Mitteln und präsentiert sich im provokanten „Fleisch-Kleid“, was von der Presse weltweit sofort aufgegriffen und als großer Skandal verbreitet wurde. Lassens Malerei suggeriert darin irreale Bildwirklichkeit, spielt mit kulturgeschichtlichen Zitaten und thematisiert gesellschaftlichen Status und ambivalente Moralvorstellungen.

Nicht selten pflegt die Malerin ungewöhnliche, intime Blickwinkel auf ihre Personen, so beispielsweise im Gemälde „Red Lounge“, in dem eine perfekt durchgestylte, erotisch aufgeladene Bar-Atmosphäre evoziert ist, diese aber zugleich durch die voyeuristische Sicht unter die Tischplatte sarkastisch gebrochen ist. Themen wie Anonymisierung und Vereinsamung des Menschen in der modernen Alltagsgesellschaft klingen in Gemälden wie „The Midnight Burger“ an. Die Motive Alter und Tod sprechen aus Arbeiten wie „The Final Burger“.

In der neuesten Serie der „Torso-Bilder“ schließlich reduziert Lassen den Menschen auf das rein Physische und fokussiert unseren Blick auf die Körpersprache, die als unbewusste Kommunikation funktioniert. Auch wenn ihre Bilder vordergründig glatt, kühl und sachlich wirken, so ist Lassens Blick nie leidenschaftslos, sondern immer von Empathie erfüllt. Sie sucht den schönen Schein zu demaskieren und hinterfragt Bedingungen und Abbildhaftigkeiten unserer moderner Zivilisation.

Ingrid Eberspächer und Marcella Lassen zeigen eindrucksvolle Menschenbilder, die den Betrachter nicht zuletzt aufgrund ihrer faszinierenden Bildtechniken in den Bann ziehen. Beiden Künstlerinnen gemein ist, so unterschiedlich sie den Menschen auch interpretieren, das Moment der souveränen Zuspitzung und Konzentration, der verblüffenden Steigerung und Verdichtung ihrer Themen und Motive. Sowohl Eberspächers Messerschnitte als auch Lassens Leinwandbilder beschwören eindringliche Botschaften und sind als kritische wie auch spielerische Kommentare auf Zustände unserer Zeit zu lesen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

© Dr. Andreas Gabelmann